Milchmond

MilchmondHerr Wegener besaß ein Sofa mit floralem Muster. Viele rüde Späße hatte er deswegen schon erdulden müssen. Eigentlich von fast jedem, den er in seine Wohnung eingeladen hatte. Etwa, um ihm Tee zu servieren und/oder Spritzgebäck zu anzubieten.

Das Fräulein Sommer einen Stock tiefer nannte ihn scherzhaft manchmal kauzig. Trank aber trotzdem seinen Tee und fasste beim Spritzgebäck gerne nach. Ach, das Fräulein Sommer — nennen Sie mich doch Martina — war sein wahrer Sonnenschein.

Bisher hatte er es leider immer versäumt, eine Platte aufzulegen, wenn ihn das Fräulein Sommer besuchte. Womöglich würde das Fräulein Sommer dann tanzen wollen. Darauf musste er vorbereitet sein.

Manchmal, nächtens, wachte Herr Wegener auf. Dann setzte er sich auf sein Sofa mit dem floralen Muster. Und wenn Herr Wegener Glück hatte, dann schien der Mond direkt ins Zimmer. Und Herr Wegener wusste, der Mond — der gleiche, der selbe, der einzige — schien just in diesem Moment auch in Fräulein Sommers Zimmer. Der milchige Mond beschien Fräulein Sommers Gesicht, das liebliche, das zarte.

Herr Wegener holte dann meist seine klasse Däumlinge aus der rechten Schublade des Sekretärs und schlüpfte in sie rein, ganz tief, bis zum Anschlag. Später dann, wenn er nur noch schwer atmete, legte er sich eine Platte auf.

Seine Däumlinge lagen zum Trocknen wie tote Vögel über dem Heizkörper und verströmten einen eigentümlichen Geruch. Den Geruch des milchigen Mondes. Und tief, ganz tief aus seinem Innern entrang sich Herrn Wegener ein Seufzer.

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