Des Vaters neue Frauen

 

Mein Vater hatte keine wirklichen Präferenzen. Sie mochten blond sein oder brünett. Schlank oder drall. Tumb oder gebildet. Es war ihm egal. Auf seine Art hatte er die Promiskuität zur Kunst erhoben. Mir wurde erzählt, er hätte jeder Frau – auch wenn es sich nur um eine einmalige Sache und eine Nacht gehandelt hatte – das Gefühl gegeben, nur ihretwegen geboren worden zu sein. Sein ganzes Selbst sei nur für diesen einen Moment erschaffen worden. Zielgerichtet hätten die Wogen des Schicksals ihn an ihre Gestade getragen. Aber das war natürlich Bullshit.

Ich habe nie mit ihm darüber gesprochen. Er starb, als meine Sexualität gerade erwachte. Ich wusste damals wenig über seine Affären. Ich erfuhr nur davon, wenn die Frau, die uns schlug, die er als seine ehemalige Sekretärin zum Burgfräulein erkoren hatte, ihn in unflätigster Art beschimpfte. Du Hurenbock, du Schwein, dein Schwanz ist kein Geschenk Gottes, auch wenn du das jeder erzählst, ich bring dich um, aber erst schneid‘ ich dir die Eier ab. Diese geschrienen Monologe hörte ich immer spät abends, wenn sie annahm, dass meine Schwester und ich schliefen.

Wie viele Frauen er bis zu seinem Tod hatte, weiß ich nicht. Aber es gibt eine Kiste mit alten Fotografien, auf denen er immer eine andere im Arm hält. Dazwischen er und meine Mutter. Und auf diesen Bildern sieht es oft aus, als seien sie wirklich glücklich. Noch heute meint sie, er sei ihre einzige echte Liebe gewesen. Der Mann, der sie schlug. Der Mann, der sie in die Alkoholsucht trieb. Der Mann, dem sie immer wieder verzieh, bis das unverzeihliche geschah. Dessen Ursache und Handelnde ironischerweise sie war.

Auf seiner Beerdigung gab es neben den nicht wirklich geschlossenen Reihen der Familie – man hasste sich wie in jeder normalen Familie üblich – eine etwas abgesetzte Gruppe von schwarz gekleideten Frauen. Sie weinten am lautesten und stärksten. Manche trugen Schleier vor den Augen, andere wagenradgroße Hüte. Sie waren wohl alle seine Beute gewesen. Und doch einte sie alle der Schmerz. Fast jede von Ihnen kondolierte uns. Eine Frechheit und eine sympathisch-naive Geste. Sie streichelten meine Wangen und stammelten, wie sehr sie meinen Vater gemocht hätten.

Mir war das egal. Ich kannte nur wenige von ihnen. Einige hatten mir Spielzeug geschenkt, wenn ich in ihren Wohnungen vor dem Fernseher warten sollte, bis mein Vater wieder aus dem Zimmer kam. Ich mochte das Spielzeug. Manches davon verkaufte ich an Schulfreunde. Mit dem Geld kaufte ich dann Panini-Sammelbildchen. So gesehen war mir seine dauernde Schürzenjagd recht. Aber jetzt war er tot.

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2 comments

  1. tc

    Und hast du ihn denn gemocht? Gab es gütige Seiten an ihm, die er für seine Kinder reserviert hatte? Bekam nur „seine“ Frau, also deine Mutter die Schläge, und alle anderen den tollen, eventuell ja larmoyanten Hecht? Und woran starb er?

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