Aus dem Morast

2015-09-06_The_Church

Ich bin ein wenig krank. Nichts besonderes, nur eine Infektion mit Streptokokken. Die Antiobiotika werdens schon richten. Was es aber richtig unangenehm macht, ist die Tatsache, dass mein Geist jede Art von körperlicher Schwäche oder Unpässlichkeit sofort mit der schwersten Zeit meiner Depression gleichsetzt. Schnell kommen dann die schwermütigen Gedanken aus dem Morast hervor. Ich muss nur kurz vor die Tür treten und auf dem Fußweg klingelt jemand hinter mir mit der Fahrradklingel Sturm. Wenn der heute zu spät kommt, dann ist alles verloren. So einer kann nicht mit Würde fahren. Geduckt über den Lenker zeigt er mir den Vogel, umfährt ein Stück weiter kopfschüttelnd die Mutter mit Kinderwagen. Ich bin so müde. Um mich herum hetzen Menschen, die plötzlich erwachsen waren und jetzt all die Dinge haben, die man eben so hat: Girokonten, Burnout, Sex, Angst, Internet, Likes, Unlikes, Angst, Gos und No-Gos, Wünsche, Kinder, Angst und manchmal Partner. Sie hetzen gemeinsam ganz allein durch den frühen Morgen. Haben Augen nur für sich. Keiner sieht mich, welch ein Glück. Sie schauen nur nach vorne. In die Zukunft, die in 10 Minuten ist. Oder ins Gestern, das Jahre her ist. Weißt du noch, damals auf dem Berg? Ich muss nur zur Apotheke. Das reicht mir auch. Die Apothekerin ist schnippisch. Ich vielleicht auch. Ich leg mich wieder hin.

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3 Kommentare

  1. Der Emil hat es schon sehr gut auf den Punkt gebracht. Und auch ich kenne das Gleichsetzen…wenn man wie ich (früher jedenfalls) unter heftigem PMS leidet, dann muss das Gefühl leider monatlich ausgehalten werden. Nochmal gute Erholung in der Reha!

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