Aus dem Morast

2015-09-06_The_Church

Ich bin ein wenig krank. Nichts besonderes, nur eine Infektion mit Streptokokken. Die Antiobiotika werdens schon richten. Was es aber richtig unangenehm macht, ist die Tatsache, dass mein Geist jede Art von körperlicher Schwäche oder Unpässlichkeit sofort mit der schwersten Zeit meiner Depression gleichsetzt. Schnell kommen dann die schwermütigen Gedanken aus dem Morast hervor. Ich muss nur kurz vor die Tür treten und auf dem Fußweg klingelt jemand hinter mir mit der Fahrradklingel Sturm. Wenn der heute zu spät kommt, dann ist alles verloren. So einer kann nicht mit Würde fahren. Geduckt über den Lenker zeigt er mir den Vogel, umfährt ein Stück weiter kopfschüttelnd die Mutter mit Kinderwagen. Ich bin so müde. Um mich herum hetzen Menschen, die plötzlich erwachsen waren und jetzt all die Dinge haben, die man eben so hat: Girokonten, Burnout, Sex, Angst, Internet, Likes, Unlikes, Angst, Gos und No-Gos, Wünsche, Kinder, Angst und manchmal Partner. Sie hetzen gemeinsam ganz allein durch den frühen Morgen. Haben Augen nur für sich. Keiner sieht mich, welch ein Glück. Sie schauen nur nach vorne. In die Zukunft, die in 10 Minuten ist. Oder ins Gestern, das Jahre her ist. Weißt du noch, damals auf dem Berg? Ich muss nur zur Apotheke. Das reicht mir auch. Die Apothekerin ist schnippisch. Ich vielleicht auch. Ich leg mich wieder hin.

Share
Weiterlesen

Die Ärzte fuhren Cabrios während die Patienten starben

Der Auspuff qualmte noch, als die freundliche Frau zum wiederholten Male die Schlampe direkt vor ihrer Haustür fand. Sie sei nicht immer eine Schlampe gewesen, meinte Jasmin später bei einer gemeinsamen Kreuzkümmelzigarette.  Hast du einen Namen, oder soll ich dich einfach Schlampe nennen, hatte die freundliche Frau sie kurz zuvor gefragt und sich dabei unauffällig ein Tischtuch vor den Mund gehalten. Jasmin, antwortete die Schlampe, nenn’ mich Jasmin, so hieß damals unser Freibad, das wir zum Töpfern nutzten. Es hatte keinen 2-Meter-Turm. Ich war nicht immer eine Schlampe, seufzte Jasmin und zog an ihrer  Kreuzkümmelzigarette. Dabei öffnete sie etwas ihre Schenkel, wie es Schlampen in ihrer Arbeitszeit tun. Die freundliche Frau sah sich Jasmins Schamhaare kurz an und tanzte verlegen einen Quickstep. Schambehaarung macht mich immer ganz verlegen, erklärte die freundliche Frau, aber erzähl doch weiter. Währenddessen ging der einsame Boxer aus der Nummer 7 am Fenster vorbei. Als die Schlampe dies sah, machte sie einen Kussmund und bewegte dazu einladend ihre Brüste. Der Boxer täuschte schnell eine Erektion vor, denn das verlangen Schlampen von einem. Ich war Schwesternschülerin, fuhr Jasmin fort. Die Ärzte fuhren Cabrios während die Patienten starben. Das tun sie aus Trotz, sagte Schwester Johannes dann immer. Ich mochte Schwester Johannes, sie erinnerte mich an das grüne Nierenbecken aus dem Schwarzwald, das meine Mutter an die Bedürftigen vermietete. Die freundliche Frau reichte Jasmin daraufhin das Sahnesteif und zwinkerte ihr zu. Schlampen lieben Sahnesteif, das wusste die freundliche Frau.

Share
Weiterlesen

Lass uns nicht reden …

Diese Frau verstand sich nicht auf das Reden. Darauf hatte sie sich nie verstanden. Mit 13 musste sie ihrem Vater das erste Mal einen blasen — da kam es nicht auf’s Reden an. Vier lange, weitere Jahre kam es nicht auf’s Reden an. Ihr Vater starb, weil er betrunken einen Baum mit einer Motorsäge fällen wollte. Sie sagte nichts dazu.

Share
Weiterlesen

Wir vom Oberdorf …

Haus_und_Hof_3

Mein Vater hatte sich ein Haus gebaut. Er hatte uns ein Haus gebaut. Meiner Schwester und mir – das betonte er immer. Als es endlich stand, wohnten natürlich erstmal alle drin, das heißt, er residierte, wir wohnten.

Wir wussten damals nichts vom Mythos Eigenheim. Und auch nichts von seinen Begleiterscheinungen, den Magengeschwüren, schlaflosen Nächten und witzelnden Freunden, die meinen Vater mitleidig und vielleicht auch ein wenig neidisch anlächelten, wenn er leicht angetrunken in der Küche vom Hausbau erzählte.

Share
Weiterlesen

Nix falsch …

Ich war kein musikalisches Kind. Und bis zur Pubertät war mir Musik auch völlig egal. Obwohl ich ganze vier Jahre eine klassische Ausbildung an der Gitarre genoss.

Mein Gitarrenlehrer war ein spanischstämmiger Araber, der immer nach Zwiebeln roch. Meine harmonischen Bemühungen nahm er mit Gleichmut auf und dann und wann bekam ich auch ein Lob. „Nix falsch“, sagte er. Ich war froh, hatte ich doch wieder nicht geübt.

Den Gitarrenunterricht absolvierte ich zusammen mit einer Schulfreundin. Ich war nicht in sie verliebt. Und doch hatten wir mehr als einmal versucht, zu knutschen. Aber wir passten einfach nicht zusammen. Allein, es vertrieb uns die Wartezeit auf unsere Gitarrenstunden, die immer auf den späten Nachmittag fielen.

Share
Weiterlesen

Das große Zittern

Das große Zittern hatte gerade begonnen, da fand Frau Sens ihren Mann auf dem Dachboden. Seit Jahren hatte sie ihn schon vermisst, doch der Schmerz war mit der Zeit langsam einem dumpfen und erträglichen Drücken gewichen. Manchmal wusste sie schon nicht einmal mehr, dass es einen Herrn Sens überhaupt gegeben hatte. Auch deshalb ging sie einfach an ihm vorbei und holte beherzt die wächserne Truhe mit den Befindlichkeitsbriefen aus ihrer Jugend hervor, die sie sodann fein und brav nach Farben sortierte. Und immer dann, wenn ihr Mann ein Geräusch machte, zählte sie langsam bis drei. Kurz versuchte sie zu glauben, das Geräusch eben hätte wirklich ihr Mann gemacht. Aber weil dieser Gedanke ausnehmend blöde war und dumm zugleich, vergaß sie Herrn Sens dann wieder.

Leider wurde es bald recht kalt auf dem Boden. Aber zurück ins Wohnzimmer mochte sie nicht – da wartete ihre zweite Tochter. Die war auch schon seit vielen Jahren nicht mehr da.

Frau Sens fühlte sich langsam sehr, sehr müde. Und allein.

Share
Weiterlesen

Manchmal reicht’s. Genug aber ist es nie.

ello-optimized-92319078

Manchmal reicht’s dir dann doch. Zum Beispiel, wenn die verrückte alte Frau, die dich eben noch beim Einsteigen in die U-Bahn angeschrien hat, sich drin neben dich stellt, zu grunzen anfängt und du dann zusehen musst, wie sich eine Lache um ihre Füße bildet. Neben dir schreit ein kleiner Türke “Scheiße, Alte verpiss disch”. Und du grinst ein wenig, weil sie das doch eben getan hat. Aber leid tut sie dir. Und nerven tut sie dich. Und ein wenig passt du auch auf, dass du nicht in ihrer Pisse stehst.

Dein Neurologe hat dir heute erzählt, was bei dir nicht stimmt. Und das ist so ziemlich alles. Aber schlimm ist es auch nicht, weil du bist ja in bester Gesellschaft. Der hatte das. Und der. Und dem ging es Zeit seines Lebens nicht gut und schauen Sie, was der geschafft hat. Und du nickst und bedankst dich. Und du freust dich, dass du jetzt erstmal ein Medikament weglassen darfst. Das, welches dich immer so bräsig machte. Den Kopf so langsam. Du erinnerst dich, wie oft sie trotzdem zu dir sagten, dir kommt man ja nicht nach, du bist immer schon weiter. Dabei warst du eigentlich immer nur schon am Ende.

Die verrückte Alte steigt aus und du atmest auf und ein. Und dann fährst du weiter und der kleine Türke hat einen noch kleineren Bruder, dem er voll eine über die Rübe zieht. Warum weißt du nicht. Und eigentlich ist dir das auch egal.

Share
Weiterlesen

Italienreise

Terracina_Unterkunft

Die großen Ferien. Wir fuhren immer nach Italien. Terracina. Mein Vater fuhr die ganze Strecke an einem Stück – 12 Stunden saßen wir so im Auto, wenn es gut ging. Gab es Stau vor dem Brenner, konnten es auch gut und gerne 18 Stunden werden.

Ich erinnere mich an die italienische Autobahn und ihre Tankstellen. Nahm eine davon keine Benzingutscheine des ADAC an, fuhren wir weiter. Manchmal blieben wir deshalb ein paar Kilometer vor der nächsten Tanke liegen. Ich lief dann mit meinen Vater und einem Kanister den Standstreifen der Autobahn lang. Wir trugen keine auffällige Warnkleidung. Ich erinnere mich an braungebrannte Tankstellenwärter mit starkem Haar- und Bartwuchs. Ich erinnere mich daran, dass es dort nie Wechselgeld gab. Stattdessen bekam mein Vater Süßigkeiten — kleine Schokoladentafeln oder Cantuccini. Jedes Mal regte er sich darüber auf, beruhigte sich wieder und meinte, Lire seien sowieso nur Spielgeld.

Share
Weiterlesen

Alkohol und Gewalt

 

Römisch Eins

Es war meist gegen frühen Nachmittag, dass sich meine Mutter recht komisch verhielt. So komisch, dass selbst ein Sechsjähriger das erkennen konnte. Ich hätte nicht sagen können, dass sie traurig war. Obgleich sie oft am Couchtisch saß und weinte. Mir war der genaue Zusammenhang nicht klar, aber das stets vollgefüllte Glas in ihrer Hand – sie setzte es nie ab, außer zum Nachfüllen – hatte etwas mit ihrer Stimmung zu tun.

Mit diesen Stimmungen vermochte ich umzugehen. Ich musste nur dafür sorgen, dass meine Mutter nicht für uns kochte. Oft genug hatte sie sich selbst und unser Essen verbrannt. Schwerer war, mit dem Verhalten meines Vaters zum Zustand meiner Mutter umzugehen. Wenn es heißt, der Mann habe die Hand gegen seine Frau erhoben, dann hat mein Vater sie viel zu oft auch fallen lassen. Mit Wucht und Kraft. Den körperlichen Auseinandersetzungen gingen stundenlange Diskussionen voraus, die wortreich und mit viel Emphase von meiner Mutter bestritten wurden und einsilbig von meinem Vater: „Du Säuferin, denk an die Kinder.“

Share
Weiterlesen

Der Jingle bellt – Weihnachten im Anzug

Das Fest wirft seine messerlangen Schatten voraus. Die Straßen leuchten vor Gier, Kindermünder sind gespitzt und Wollusttröpfchen aus Valuta spritzen auf Kassiererinnen. Wir kaufen und verkaufen dafür unser Oma ihr klein Häuschen. Man drückt uns Speichersticks in alle Löcher und wir kommen – gern und immer wieder.

Hohoho, der Weihnachtsmann bringt uns japanische Spielekonsolen, die Kaufhäuser und ihre parfümierten Stockwerke machen uns brechen, allein, damit wir Neues in uns hineinstopfen können.

Hohoho, wir knallen mit hohlen Köpfen aneinander, sie klingen uns wie Glocken. Die Nacht wird nicht mehr still, weiß Gott nicht.

Hohoho, in den Einkaufsstraßen machen wir uns die Lichter aus. Wir lutschen am Weihnachts-McDick und schlucken, schlucken, schlucken. Die Geldbeutel müssen bluten, die Wirtschaftswaisen empfehlen den Aderlass. Genuss ohne Reue ist unser Ziel. Denn Reue ist teuer und kostet mehr als wir haben.

Hohoho, wir erwürgen unsere Stimmung mit farbigen Lichterketten. Nicht umsonst hat man den Weihnachtsmann am Haus gegenüber aufgeknüpft – so behält er den Überblick und uns im Auge.

Für euch klingt das wie Hass? Ihr könnt die Liebe darin nicht sehen? Eine überquellende, schwarze Liebe, dick wie Teer und klebrig wie Pech. Aber Glühwein kann sie knacken. Einfach rein in die Münder, in die Hälse. Und besoffen, trunken im Kaufrausch wanken wir nach Hause. Warme Wohnungen schmeicheln unserer dicken Haut, die Tische biegen sich unter dem Gewicht des Präsens und wir packen drauf.

Wir packen drauf.
Wir packen drauf.

Share
Weiterlesen