Die Ärzte fuhren Cabrios während die Patienten starben

Der Auspuff qualmte noch, als die freundliche Frau zum wiederholten Male die Schlampe direkt vor ihrer Haustür fand. Sie sei nicht immer eine Schlampe gewesen, meinte Jasmin später bei einer gemeinsamen Kreuzkümmelzigarette.  Hast du einen Namen, oder soll ich dich einfach Schlampe nennen, hatte die freundliche Frau sie kurz zuvor gefragt und sich dabei unauffällig ein Tischtuch vor den Mund gehalten. Jasmin, antwortete die Schlampe, nenn’ mich Jasmin, so hieß damals unser Freibad, das wir zum Töpfern nutzten. Es hatte keinen 2-Meter-Turm. Ich war nicht immer eine Schlampe, seufzte Jasmin und zog an ihrer  Kreuzkümmelzigarette. Dabei öffnete sie etwas ihre Schenkel, wie es Schlampen in ihrer Arbeitszeit tun. Die freundliche Frau sah sich Jasmins Schamhaare kurz an und tanzte verlegen einen Quickstep. Schambehaarung macht mich immer ganz verlegen, erklärte die freundliche Frau, aber erzähl doch weiter. Währenddessen ging der einsame Boxer aus der Nummer 7 am Fenster vorbei. Als die Schlampe dies sah, machte sie einen Kussmund und bewegte dazu einladend ihre Brüste. Der Boxer täuschte schnell eine Erektion vor, denn das verlangen Schlampen von einem. Ich war Schwesternschülerin, fuhr Jasmin fort. Die Ärzte fuhren Cabrios während die Patienten starben. Das tun sie aus Trotz, sagte Schwester Johannes dann immer. Ich mochte Schwester Johannes, sie erinnerte mich an das grüne Nierenbecken aus dem Schwarzwald, das meine Mutter an die Bedürftigen vermietete. Die freundliche Frau reichte Jasmin daraufhin das Sahnesteif und zwinkerte ihr zu. Schlampen lieben Sahnesteif, das wusste die freundliche Frau.

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Die bittere Lippe muss man schlucken

Margarethe war lustig anzusehen. Das lag nicht zuletzt an der eigentümlichen Frischkäsezubereitung, die sie stets am Kragen trug. Viele vermuteten gar eine politische Absicht dahinter. Doch dahinter, das wusste Margarethe schon lange, war selten eine Absicht. Und Vermutungen, pflegte sie zu sagen, hatten wenig mit Mut zu tun. Denn Mut ist eine Ziegenblase gefüllt mit Schnaps auf dem Weg nach Holland – wenigstens das hatte ihr das Leben beigebracht.
Zeitungen las sie seit Jahren nicht mehr. Weniger aus Desinteresse denn aus wilder und herzhafter Abneigung gegen Graupapier. Es mochte vielleicht sein, dass sie dabei den ein oder anderen globalen Konflikt verpasste oder erst durch Obdachlose auf übel beleumdeten U-Bahn-Stationen darauf hingewiesen werden musste. Das änderte aber wenig daran, dass sie eine begnadete Poker-Spielerin war. Was ihr wiederum  schon so manche Feindschaft beschert hatte. Doch selbst Blumentöpfe haben stets Erde zwischen sich und ihrer Pflanze. Das wollte sie sich merken.

Das große Zittern hatte gerade begonnen, da fand Frau Sens ihren Mann auf dem Dachboden. Seit Jahren hatte sie ihn schon vermisst, doch der Schmerz war mit der Zeit einem dumpfen Drücken gewichen. Manchmal wusste sie schon nicht einmal mehr, dass es einen Herrn Sens überhaupt gegeben hatte. Auch deshalb ging sie einfach an ihm vorbei und holte beherzt die wächserne Truhe mit den Befindlichkeitsbriefen aus ihrer Jugend hervor, die sie fein und brav nach Farben sortierte. Und immer dann, wenn ihr Mann ein Geräusch machte, zählte sie langsam bis drei. Kurz versuchte sie zu glauben, das Geräusch eben hätte wirklich ihr Mann gemacht. Aber weil dieser Gedanke ausnehmend blöde war und dumm zugleich, vergaß sie Herrn Sens wieder.
Leider wurde es bald recht kalt auf dem Boden. Aber zurück ins Wohnzimmer mochte sie  nicht – da wartete ihre zweite Tochter. Die war auch schon seit vielen Jahren nicht mehr da. Frau Sens fühlte sich langsam sehr, sehr müde.

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Ein Sommer ohne Liebe

Es kam die Zeit, zu der uns langweilig wurde. Wir schienen von der endlosen und drückenden Hitze fast ebenso gelähmt wie die Erwachsenen, die uns nur noch mit mattem Winken wegscheuchten und meinten, wir sollten erst wiederkommen, wenn abends der Grill heiß sei.

Aber was tun? Die Baggerseen und Freibäder waren inzwischen abgegrast, alle Mädchen hatten wir schon getaucht. Das Zehn-Pfennig-Eis hing uns zum Halse raus und mit unseren Fanta-JoJos wollten wir nicht mehr üben – Weltmeister würden wir so oder so nicht mehr werden. Wichtig war nur, ob man ein blaues oder oranges JoJo hatte. Denn das blaue, teurere adelte einen, das orange war für die Jungs aus den armen Stadtteilen. Ich hatte erst ein oranges, später klaute ich mir einfach ein blaues.

Ich war schwer verliebt in diesem Sommer. Wir alle waren damals immerzu verliebt, aber ich besonders. Ihr Name war Sabine Eisenhart. Mein Therapeut, von dem ich zu dieser Zeit natürlich noch nichts wusste, würde mich ungefähr 30 Jahre später auf den Freudschen Namenswitz aufmerksam machen. Ich musste nicht lachen.

Ich war verliebt, zugegebenermaßen unglücklich, aber wir waren damals immerzu unglücklich verliebt. Wir erlitten dabei so viel Schmerz, wie pubertären zwölf- bis vierzehnjährigen nur zuzumuten war. Sex? Ja, Sex war kein Geheimnis mehr. Wir tauschten untereinander die Pornohefte unserer Väter – über Playboy und Penthouse konnten wir nur noch milde lächeln. Am heftigsten fanden wir das eine Exemplar „Happy Weekend“, das wir einem Fernfahrer auf der Freibadtoilette gemopst hatten. Es macht so lang die Runde, bis es fast völlig zerfleddert auseinanderfiel.

Aber natürlich hatte noch keiner von uns wirklich Sex gehabt. Tägliches, mehrmaliges wichsen am Tag ja. Damit ließ sich auf die ein oder andere Art auch angeben. Aber Sex, mit einem echten Mädchen? Nein. Immerhin hatten wir keine Scheu, uns unsere Angst vor dem ersten Mal zu gestehen. Wir fühlten uns dadurch verbunden. Bis auf Markus, genannt Max. Er schwor Stein und Bein, es schon gemacht zu haben. Im Zeltlager, mit einer sechzehnjährigen. Einer richtigen Frau also. Sie hätte ihn ganz schön rangenommen. Aber dann hätte auch er es ihr richtig besorgt.

Wir alle glaubten ihm eigentlich kein Wort, aber genossen dennoch jeden weiteren Höhepunkt seiner Erzählung. Seine Story wurde jedes Mal besser und geschliffener. Max lernte, dass es auf die kleinen Details ankam: wie sich die Schlafsäcke verhakten, ihr Mund beim Küssen erst nach Leberwurstbrot schmeckte, das sie vorher miteinander geteilt hatten, sie am Morgen darauf ihr Höschen nicht mehr finden konnte und er es erst Zuhause in seinem Schlafsack wiederfand. Er würde sie heute noch an dem Höschen riechen können, uns würde er es aber nicht zeigen. Das verbot der Anstand. Aber uns war das egal. Wir wussten, dass er log. Und wir wollten belogen werden.

Was also Sex betraf, war Max eine Institution – wenigstens diesen einen Sommer lang. Aber von Liebe, wahrer Liebe verstand er nichts. Das wusste ich. An Sex mit Sabine Eisenhart war gar nicht zu denken. Nein, sie schien einfach unberührbar, der Liebe vielleicht gar nicht fähig. Sie nahm mich nicht zur Kenntnis. In der Schule nicht, ich saß drei Reihen hinter ihr, eine in Physik. Und am Baggersee auch nicht, wir alle lagen hinter ihrer Mädchenclique und röhrten wie junge, brünftige Hirsche. Sabine Eisenhart schien allgemein ein Sonderfall zu sein, meine Freunde nannten sie frigide. Keiner wusste, was das genau heißen sollte, aber es erklärte wohl ihre eiserne Disziplin und Zurückhaltung.

Ich hatte in diesem Sommer keinen Sex mehr. Nicht mit Sabine Eisenhart oder einem anderen Mädchen. Als ich im Jahr darauf zum Zuge kam, wünschte ich mir aber, sie wäre es gewesen. Und nicht das Mädchen mit dem eigentümlichen Körpergeruch.

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Dr. Erika und Grauburgunder

Dr_Erika_und_Grauburgunder

 

Dr. Erika und Grauburgunder waren dem Gedanken der Neutralität nicht abgeneigt. Grauburgunder erklärte deshalb am Wochenende den Küchentisch zur Schweiz. Das Butterfässchen sollte aber keine Einreiseerlaubnis erhalten. Dr. Erika fand das ausnehmend ungerecht – natürlich habe das Butterfässchen kein Zahngold mitgebracht, doch das sei kein schlagendes Argument. Der Engel stippte derweil seine ungewaschenen Finger in das Heidelbeergelee. Grauburgunder lief aus gerechtem Zorn darüber rot an und zerriss vor aller Augen die Konzertkarten für Mozarts Entführung aus dem Serail. Danach schien der Samstag allen wie durch Rauchglas.

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Jugendsünden – früher nannte ich es Lyrik

Der Frischzellendampfer wollte gerade anlegen, da kam unter Deck große Unruhe auf. Die lüsternen Metaboliten aus Kabine 8 hatten wieder einmal am Glück herumgespielt. Da die Liebe schon seit längerem blind war, blieb der Besatzung nichts weiter übrig, als die Hoffnung fahren zu lassen. Zwei Monate später erreichte sie eine Grußkarte aus Emmental. Alles sei in Ordnung und man sei im Allgemeinen ja auch nicht nachtragend. Die Karte hing noch einige Zeit am Rasierspiegel, wurde dann aber durch einen Akkupunkturatlas ersetzt, der auf dem Homeshoppingsender dauernd beworben wurde. Es wurde noch manche Nächte gemunkelt, der Bierbrunnen sei letztendlich schuld an allem.

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