Kategorie: Real Life

Halbe Stunden

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Langeweile haben sie hier für mich. Man ist überrascht, wie angefüllt ein Tag auf Reha sein kann, mit Seminaren zu Ernährung, Bewegung, Medikamenten und Entspannung. Mit verpflichtenden Angeboten wie Walking, Ergometer, Wassergymnastik, Muskelaufbau,Qigong, Progressive Muskelentspannung, Nordic Walking, Massagen usw. usf. Wie fordernd so ein Tag sein kann – selbst wenn man in einem fordernden Job zu Hause ist. Aber – und hier liegt der wesentliche Unterschied – zwischen allen Angeboten liegen immer wieder wenigstens 30 Minuten Leerlauf. Leerlauf, den jeder anders für sich nutzt.

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Wandlitz – ich werde rehabilitiert.

Pillen

Es waren wohl nicht nur die Streptokokken. Ich hatte einen Herzinfarkt – der ist zwei Wochen her und ich lebe noch. Am Montag nehmen sie mich in die Mangel. Rehabilitationsklinik nennen sie es. Ich kenne das. Ich habe schon Filme gesehen über so etwas. Nach außen eine saubere Fassade und drinnen warten die Ghouls auf mich. Die strenge Physiotherapeutin, der kichernde Sporttherapeut, die kuhäugige Ökotrophologin, der Typ, der immer nur stiert, der Mann mit den gelben Fingern und zwei Packen Zigaretten im Bademantel.

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Aus dem Morast

2015-09-06_The_Church

Ich bin ein wenig krank. Nichts besonderes, nur eine Infektion mit Streptokokken. Die Antiobiotika werdens schon richten. Was es aber richtig unangenehm macht, ist die Tatsache, dass mein Geist jede Art von körperlicher Schwäche oder Unpässlichkeit sofort mit der schwersten Zeit meiner Depression gleichsetzt. Schnell kommen dann die schwermütigen Gedanken aus dem Morast hervor. Ich muss nur kurz vor die Tür treten und auf dem Fußweg klingelt jemand hinter mir mit der Fahrradklingel Sturm. Wenn der heute zu spät kommt, dann ist alles verloren. So einer kann nicht mit Würde fahren. Geduckt über den Lenker zeigt er mir den Vogel, umfährt ein Stück weiter kopfschüttelnd die Mutter mit Kinderwagen. Ich bin so müde. Um mich herum hetzen Menschen, die plötzlich erwachsen waren und jetzt all die Dinge haben, die man eben so hat: Girokonten, Burnout, Sex, Angst, Internet, Likes, Unlikes, Angst, Gos und No-Gos, Wünsche, Kinder, Angst und manchmal Partner. Sie hetzen gemeinsam ganz allein durch den frühen Morgen. Haben Augen nur für sich. Keiner sieht mich, welch ein Glück. Sie schauen nur nach vorne. In die Zukunft, die in 10 Minuten ist. Oder ins Gestern, das Jahre her ist. Weißt du noch, damals auf dem Berg? Ich muss nur zur Apotheke. Das reicht mir auch. Die Apothekerin ist schnippisch. Ich vielleicht auch. Ich leg mich wieder hin.

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Stammbaum der Liebe (mit Wurzeln aus Hass)

Cäcilia – die Mutter meines Vaters

1_midSie war eine harte Frau. Die härteste, hieß es in der Familie. Ich sah sie nie eine Träne vergießen. Und selbst in ihrem Tod schien sie mir hart. Hart und abgemagert. Wenige Minuten vor ihrem Tod stand ich noch an ihrem Bett und streichelte ihre trockene Haut.
Als sie noch lebte, da soll sie geliebt haben – wie jeder andere Mensch auch. Ihre Liebe galt ihren Kindern, Haus und Hof und natürlich ihrem Mann. Weiterlesen

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Wir vom Oberdorf …

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Mein Vater hatte sich ein Haus gebaut. Er hatte uns ein Haus gebaut. Meiner Schwester und mir – das betonte er immer. Als es endlich stand, wohnten natürlich erstmal alle drin, das heißt, er residierte, wir wohnten.

Wir wussten damals nichts vom Mythos Eigenheim. Und auch nichts von seinen Begleiterscheinungen, den Magengeschwüren, schlaflosen Nächten und witzelnden Freunden, die meinen Vater mitleidig und vielleicht auch ein wenig neidisch anlächelten, wenn er leicht angetrunken in der Küche vom Hausbau erzählte. Weiterlesen

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Nix falsch …

Ich war kein musikalisches Kind. Und bis zur Pubertät war mir Musik auch völlig egal. Obwohl ich ganze vier Jahre eine klassische Ausbildung an der Gitarre genoss.

Mein Gitarrenlehrer war ein spanischstämmiger Araber, der immer nach Zwiebeln roch. Meine harmonischen Bemühungen nahm er mit Gleichmut auf und dann und wann bekam ich auch ein Lob. „Nix falsch“, sagte er. Ich war froh, hatte ich doch wieder nicht geübt.

Den Gitarrenunterricht absolvierte ich zusammen mit einer Schulfreundin. Ich war nicht in sie verliebt. Und doch hatten wir mehr als einmal versucht, zu knutschen. Aber wir passten einfach nicht zusammen. Allein, es vertrieb uns die Wartezeit auf unsere Gitarrenstunden, die immer auf den späten Nachmittag fielen.

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Manchmal reicht’s. Genug aber ist es nie.

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Manchmal reicht’s dir dann doch. Zum Beispiel, wenn die verrückte alte Frau, die dich eben noch beim Einsteigen in die U-Bahn angeschrien hat, sich drin neben dich stellt, zu grunzen anfängt und du dann zusehen musst, wie sich eine Lache um ihre Füße bildet. Neben dir schreit ein kleiner Türke „Scheiße, Alte verpiss disch“. Und du grinst ein wenig, weil sie das doch eben getan hat. Aber leid tut sie dir. Und nerven tut sie dich. Und ein wenig passt du auch auf, dass du nicht in ihrer Pisse stehst.

Dein Neurologe hat dir heute erzählt, was bei dir nicht stimmt. Und das ist so ziemlich alles. Aber schlimm ist es auch nicht, weil du bist ja in bester Gesellschaft. Der hatte das. Und der. Und dem ging es Zeit seines Lebens nicht gut und schauen Sie, was der geschafft hat. Und du nickst und bedankst dich. Und du freust dich, dass du jetzt erstmal ein Medikament weglassen darfst. Das, welches dich immer so bräsig machte. Den Kopf so langsam. Du erinnerst dich, wie oft sie trotzdem zu dir sagten, dir kommt man ja nicht nach, du bist immer schon weiter. Dabei warst du eigentlich immer nur schon am Ende.

Die verrückte Alte steigt aus und du atmest auf und ein. Und dann fährst du weiter und der kleine Türke hat einen noch kleineren Bruder, dem er voll eine über die Rübe zieht. Warum weißt du nicht. Und eigentlich ist dir das auch egal.

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Endstation Crèmezucht

 

Mediterran nennen sie es und schlürfen Latte Macchiatos in den Eckcafés. Und die Welt zieht an ihnen vorbei. Gemächlich und schnell, trübe Tassen und durchsichtige Gauner, liebende Pärchen und hassende Partner. Sie machen eine Löffelumdrehung und kehren zurück, sie streuen Zucker in die Wunden und rühren darin herum, zurück bleibt allein ein herzförmiger Fleck. Milchschaum geborene Weisheiten machen die Runde, freundliches Lächeln ist angebracht — in ihren Gesichtern. Wer nichts zu sagen hat, sagt es trotzdem, nicken tun die anderen, von oben nach unten und meinen doch von links nach rechts. Ein durchschnittliches Gehirn wiegt vier Kilo und da ist der Leichtsinn nicht mit drin, auch nicht die schweren Gedanken, die einen herunterziehen, so weit, dass der Kopf auf der Tischfläche haften bleibt. Man möchte sich schütteln und schüttelt nur Hände, die klammen, die warmen, die schlaffen. Wer sich fortbewegen will, der hat kein Mittel, der Tank ist leer. So halten sie ihre Saugstutzen über die Kaffeegläser, mit geschürztem Mund zwingen sie die Melange herunter, in den Schlund — Endstation Crèmezucht. Die Welt dreht sich weiter, nehmen sie an. Und doch steht alles still.

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Mein Beitrag zu 1000 Tode

Ihr habe ich immer den Tod gewünscht. Der Frau, die mir ein Brotzeitbrettchen auf dem Kopf zerschlagen hat. Der Frau, die mich in das Kellerzimmer mit der Tischtennisplatte gesperrt hat. Die mich dort an den heißen Heizungskörper gebunden hat. Ihr wünschte ich den Tod. Einen langen und qualvollen Tod. Weil es nur gerecht gewesen wäre. All das Leid, das sie über unsere Familie brachte. Wie sie es später sogar schaffte, dass meine Schwester und ich uns vor dem Vormundschaftsrichter gegen unsere eigene Mutter aussprachen. Sie hatte gedroht, uns umzubringen. Und wer hätte es ihr nicht glauben mögen? Der Körper erinnert sich an die Schläge, die Knuffe, die ausgerissenen Haare, die Ohrfeigen mit dem Handrücken, den Tag, als ich meine eigene Kotze essen musste, weil ich krank in meine Suppe gespuckt hatte.

Ihm habe ich nie den Tod gewünscht. Dem Mann, der wegschaute, wenn er von Geschäftsreisen kam. Dem Mann, der Stofftiere für meine Schwester mitbrachte und Bücher für mich. Dem Mann, der nicht nachfragte, woher die gespaltene Lippe stammte. Der sich nicht wunderte, dass wir bei schnellen Bewegungen von ihm die Arme schützend vors Gesicht rissen.

Ich kauere oben an der Galerie, ich kann nichts sehen, aber alles hören. Ich höre unten leises, eindringliches Murmeln. Dann einen Schrei. Ein Wimmern. Wieder einen Schrei. Meine Schwester und ich werden nach unten gerufen. Zwei Männer stehen im Raum. Sie steht dazwischen, ihr Gesicht wirkt leer. Sie versucht uns zu umarmen. Wir lassen es nicht zu. Sie erzählt uns vom Tod unseres Vaters. Sie weint und schluchzt. Meine Schwester weint und schluchzt.

Ich weine nicht.

Bis ich verstehe: Sie ist nicht tot.

Ich weine.

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Vom Lesen

Reclam

Mein Vater hat nie viel gelesen. Im Regal standen Bücher aus seinem Studium der Volkswirtschaftslehre. Und selbst diese waren in den Siebzigern schon veraltet. Links unten in der Ecke fand man eine Batterie Reclam-Heftchen. Egmont, Der zerbrochene Krug, Faust, Der grüne Heinrich. Ich mochte das Format. Klein und handlich und noch nicht in dem heutigen Marken-Gelb.

Meine Mutter hingegen las immer. Alles, was ihr in die Hände kam. Zweimal die Woche gingen wir in die Leihbücherei. Ich liebte den Geruch der Bücher — manchmal schon leicht muffig und nach Keller. Nur pro forma drückte ich mich die ersten zehn Minuten in der Kinderbuchabteilung herum, um dann ganz schnell in die Science-Fiction und Horror-Abteilung zu wechseln. Edgar Allen Poe, Isaac Asimov, Stanislaw Lem, Stephen King. Ich durfte die wenigsten dieser Bücher ausleihen, meist nur, wenn meine Mutter einen guten Tag hatte, oder schon zu besoffen war, um einen Überblick über ihre eigene Auswahl zu haben. In der Leibücherei verbrachten meine Mutter und ich viele Stunden. Meine Mutter und ich lasen immer schon am Regal. Sie hatte eine Thermoskanne voll Tee mit klarem Schnaps dabei, ich trank aus der Sunkist-Pyramide. Am liebsten Kirsch. Ein echtes Problem war, dass ich immer schon scheißen musste, wenn wir in die Bibliothek kamen. Eine Mischung aus Vorfreude und Gier setzte meine Verdauung in Bewegung. Ich griff mir dann immer das erstbeste Buch und schlich mich am Tresen der Büchereiangestellten vorbei und nahm es mit aufs Klo.

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