Die bittere Lippe muss man schlucken

Margarethe war lustig anzusehen. Das lag nicht zuletzt an der eigentümlichen Frischkäsezubereitung, die sie stets am Kragen trug. Viele vermuteten gar eine politische Absicht dahinter. Doch dahinter, das wusste Margarethe schon lange, war selten eine Absicht. Und Vermutungen, pflegte sie zu sagen, hatten wenig mit Mut zu tun. Denn Mut ist eine Ziegenblase gefüllt mit Schnaps auf dem Weg nach Holland – wenigstens das hatte ihr das Leben beigebracht.
Zeitungen las sie seit Jahren nicht mehr. Weniger aus Desinteresse denn aus wilder und herzhafter Abneigung gegen Graupapier. Es mochte vielleicht sein, dass sie dabei den ein oder anderen globalen Konflikt verpasste oder erst durch Obdachlose auf übel beleumdeten U-Bahn-Stationen darauf hingewiesen werden musste. Das änderte aber wenig daran, dass sie eine begnadete Poker-Spielerin war. Was ihr wiederum  schon so manche Feindschaft beschert hatte. Doch selbst Blumentöpfe haben stets Erde zwischen sich und ihrer Pflanze. Das wollte sie sich merken.

Das große Zittern hatte gerade begonnen, da fand Frau Sens ihren Mann auf dem Dachboden. Seit Jahren hatte sie ihn schon vermisst, doch der Schmerz war mit der Zeit einem dumpfen Drücken gewichen. Manchmal wusste sie schon nicht einmal mehr, dass es einen Herrn Sens überhaupt gegeben hatte. Auch deshalb ging sie einfach an ihm vorbei und holte beherzt die wächserne Truhe mit den Befindlichkeitsbriefen aus ihrer Jugend hervor, die sie fein und brav nach Farben sortierte. Und immer dann, wenn ihr Mann ein Geräusch machte, zählte sie langsam bis drei. Kurz versuchte sie zu glauben, das Geräusch eben hätte wirklich ihr Mann gemacht. Aber weil dieser Gedanke ausnehmend blöde war und dumm zugleich, vergaß sie Herrn Sens wieder.
Leider wurde es bald recht kalt auf dem Boden. Aber zurück ins Wohnzimmer mochte sie  nicht – da wartete ihre zweite Tochter. Die war auch schon seit vielen Jahren nicht mehr da. Frau Sens fühlte sich langsam sehr, sehr müde.

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Fremd im eigenen Hemd

Es gab seinerzeit eine neue Abmachung: Nämlich so lange einen Fremden bei sich zu beheimaten, bis dieser Onkel Johannes wie aus dem Gesicht geschnitten sei. Dafür war viel Stühlerücken nötig gewesen und der Gewinner, Herr Gaske, mochte nach seinem stillen Triumph der netten Lisette vom Ende des Gangs nicht mehr die Hände schütteln.

Gerüchte machten anschließend die Runde, versammelten sich an Ecken und hängten sich Schilder mit dem Titel „Wahrheit“ um. Ein Glück, dass Dr. Friedrich – der Hauptmann der Gesangspolizei – am Vortag aus dem Urlaub zurückgekehrt war. Er war bekannt dafür, tüchtig durchzugreifen und hatte sich mit der Finanzierung des Wehklagens der hiesigen Leuchtturmwärter über die Grenzen der Schachbrettwiese hinaus einen schon lange vergessenen Namen gemacht.

Onkel Johannes saß mit dem Fremden jetzt immer öfter vor dem Raclette-Ofen und wies, wenn nötig, auf sein Muttermal hin, das in seinen Umrissen genau den Osterinseln entsprach – nur ein wenig bewaldeter schien. Der Fremde mochte dann nicht  weiter den trotzigen Kindskopf spielen und gab seinerseits eine Anekdote zum Besten: So sei er damals, weit vor seiner eigenen Zeit, in seiner Funktion als Versammlungsfreiheit viel zu oft eingeschränkt worden. Als er dann – wohlgemerkt beim Ortsvorsteher regelgerecht und in dreifacher Ausführung angemeldet – seine Sammlung berüchtigter Beutelschneider im Kirchamt ausstellen wollte, kam niemand. Selbst der Pfarrer, meinte der Fremde, verhielt sich  zusehends abweisender.

Einmütiges Kopfnicken begleitete diese wahrhaft rührende Geschichte und das Abendrot sehnte sich nach den Zeiten des Orange. Das Brot war kross, die Kinder stellten sich der Größe nach an einer Wand auf und Frau Semmeling ordnete ihre Schmetterlinge nach Aktiennamen. Am nächsten Tag stand im Generalanzeiger, dass niemand unter dem Kunstdruck zusammengebrochen war. Das stärkte ganz allgemein das Gefühl des Zusammenhalts. Damit war dann letztendlich auch die Geschichte mit den gefälschten Todesanzeigen vom Tisch.

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Dr. Erika und Grauburgunder

Dr_Erika_und_Grauburgunder

 

Dr. Erika und Grauburgunder waren dem Gedanken der Neutralität nicht abgeneigt. Grauburgunder erklärte deshalb am Wochenende den Küchentisch zur Schweiz. Das Butterfässchen sollte aber keine Einreiseerlaubnis erhalten. Dr. Erika fand das ausnehmend ungerecht – natürlich habe das Butterfässchen kein Zahngold mitgebracht, doch das sei kein schlagendes Argument. Der Engel stippte derweil seine ungewaschenen Finger in das Heidelbeergelee. Grauburgunder lief aus gerechtem Zorn darüber rot an und zerriss vor aller Augen die Konzertkarten für Mozarts Entführung aus dem Serail. Danach schien der Samstag allen wie durch Rauchglas.

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Jugendsünden – früher nannte ich es Lyrik

Der Frischzellendampfer wollte gerade anlegen, da kam unter Deck große Unruhe auf. Die lüsternen Metaboliten aus Kabine 8 hatten wieder einmal am Glück herumgespielt. Da die Liebe schon seit längerem blind war, blieb der Besatzung nichts weiter übrig, als die Hoffnung fahren zu lassen. Zwei Monate später erreichte sie eine Grußkarte aus Emmental. Alles sei in Ordnung und man sei im Allgemeinen ja auch nicht nachtragend. Die Karte hing noch einige Zeit am Rasierspiegel, wurde dann aber durch einen Akkupunkturatlas ersetzt, der auf dem Homeshoppingsender dauernd beworben wurde. Es wurde noch manche Nächte gemunkelt, der Bierbrunnen sei letztendlich schuld an allem.

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