Schlagwörter: Depression

Manchmal reicht’s. Genug aber ist es nie.

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Manchmal reicht’s dir dann doch. Zum Beispiel, wenn die verrückte alte Frau, die dich eben noch beim Einsteigen in die U-Bahn angeschrien hat, sich drin neben dich stellt, zu grunzen anfängt und du dann zusehen musst, wie sich eine Lache um ihre Füße bildet. Neben dir schreit ein kleiner Türke „Scheiße, Alte verpiss disch“. Und du grinst ein wenig, weil sie das doch eben getan hat. Aber leid tut sie dir. Und nerven tut sie dich. Und ein wenig passt du auch auf, dass du nicht in ihrer Pisse stehst.

Dein Neurologe hat dir heute erzählt, was bei dir nicht stimmt. Und das ist so ziemlich alles. Aber schlimm ist es auch nicht, weil du bist ja in bester Gesellschaft. Der hatte das. Und der. Und dem ging es Zeit seines Lebens nicht gut und schauen Sie, was der geschafft hat. Und du nickst und bedankst dich. Und du freust dich, dass du jetzt erstmal ein Medikament weglassen darfst. Das, welches dich immer so bräsig machte. Den Kopf so langsam. Du erinnerst dich, wie oft sie trotzdem zu dir sagten, dir kommt man ja nicht nach, du bist immer schon weiter. Dabei warst du eigentlich immer nur schon am Ende.

Die verrückte Alte steigt aus und du atmest auf und ein. Und dann fährst du weiter und der kleine Türke hat einen noch kleineren Bruder, dem er voll eine über die Rübe zieht. Warum weißt du nicht. Und eigentlich ist dir das auch egal.

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Endstation Crèmezucht

 

Mediterran nennen sie es und schlürfen Latte Macchiatos in den Eckcafés. Und die Welt zieht an ihnen vorbei. Gemächlich und schnell, trübe Tassen und durchsichtige Gauner, liebende Pärchen und hassende Partner. Sie machen eine Löffelumdrehung und kehren zurück, sie streuen Zucker in die Wunden und rühren darin herum, zurück bleibt allein ein herzförmiger Fleck. Milchschaum geborene Weisheiten machen die Runde, freundliches Lächeln ist angebracht — in ihren Gesichtern. Wer nichts zu sagen hat, sagt es trotzdem, nicken tun die anderen, von oben nach unten und meinen doch von links nach rechts. Ein durchschnittliches Gehirn wiegt vier Kilo und da ist der Leichtsinn nicht mit drin, auch nicht die schweren Gedanken, die einen herunterziehen, so weit, dass der Kopf auf der Tischfläche haften bleibt. Man möchte sich schütteln und schüttelt nur Hände, die klammen, die warmen, die schlaffen. Wer sich fortbewegen will, der hat kein Mittel, der Tank ist leer. So halten sie ihre Saugstutzen über die Kaffeegläser, mit geschürztem Mund zwingen sie die Melange herunter, in den Schlund — Endstation Crèmezucht. Die Welt dreht sich weiter, nehmen sie an. Und doch steht alles still.

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Mein Beitrag zu 1000 Tode

Ihr habe ich immer den Tod gewünscht. Der Frau, die mir ein Brotzeitbrettchen auf dem Kopf zerschlagen hat. Der Frau, die mich in das Kellerzimmer mit der Tischtennisplatte gesperrt hat. Die mich dort an den heißen Heizungskörper gebunden hat. Ihr wünschte ich den Tod. Einen langen und qualvollen Tod. Weil es nur gerecht gewesen wäre. All das Leid, das sie über unsere Familie brachte. Wie sie es später sogar schaffte, dass meine Schwester und ich uns vor dem Vormundschaftsrichter gegen unsere eigene Mutter aussprachen. Sie hatte gedroht, uns umzubringen. Und wer hätte es ihr nicht glauben mögen? Der Körper erinnert sich an die Schläge, die Knuffe, die ausgerissenen Haare, die Ohrfeigen mit dem Handrücken, den Tag, als ich meine eigene Kotze essen musste, weil ich krank in meine Suppe gespuckt hatte.

Ihm habe ich nie den Tod gewünscht. Dem Mann, der wegschaute, wenn er von Geschäftsreisen kam. Dem Mann, der Stofftiere für meine Schwester mitbrachte und Bücher für mich. Dem Mann, der nicht nachfragte, woher die gespaltene Lippe stammte. Der sich nicht wunderte, dass wir bei schnellen Bewegungen von ihm die Arme schützend vors Gesicht rissen.

Ich kauere oben an der Galerie, ich kann nichts sehen, aber alles hören. Ich höre unten leises, eindringliches Murmeln. Dann einen Schrei. Ein Wimmern. Wieder einen Schrei. Meine Schwester und ich werden nach unten gerufen. Zwei Männer stehen im Raum. Sie steht dazwischen, ihr Gesicht wirkt leer. Sie versucht uns zu umarmen. Wir lassen es nicht zu. Sie erzählt uns vom Tod unseres Vaters. Sie weint und schluchzt. Meine Schwester weint und schluchzt.

Ich weine nicht.

Bis ich verstehe: Sie ist nicht tot.

Ich weine.

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Woher wir kommen, bleibt in uns drin

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Wir lebten nicht in bester Wohnlage. Um ehrlich zu sein, war es noch nicht mal eine Wohngegend. Wir wohnten im Nordosten der Stadt, in einem Industrieviertel, das noch vor Jahren die Stadtgrenze markierte. Osram stellte hier Glühbirnen und Leuchtstoffröhren her, der christliche Weltbildverlag residierte in schlammgrauen Betonblöcken, billiges Bauland und ein Förderung der Stadt hatten nach und nach viele kleinere mittelständische Betriebe angelockt. Wir wohnten schon immer hier. Mein Vater wohnte schon immer hier. Inzwischen war seine neunköpfige Großfamilie, bis auf meine Oma in einem Teil des Hauses und uns im anderen, ausgezogen. Im Erdgeschoss befand sich das Büro der Firma meines Vaters, darüber wohnten wir.

Viele meiner Freunde lebten nur in Mietwohnungen, wir besaßen ein ganzes Haus – aber das zählte nicht. Wichtig war, wo das Haus stand. Unseres stand offensichtlich an der falschen Stelle. Nach 18 Uhr war unsere Straße wie ausgestorben, nur fünf Häuser weiter im Club ‚La vie‘ brach dagegen Geschäftigkeit aus. Es war ein Kommen und Gehen, dauernd fuhren Kleinwagen vor, nicht wenige gehörten Osram oder Weltbild-Mitarbeitern. Später erfuhr ich, dass das Management lieber einen Spaziergang auf sich nahm, als mit dem Firmen-Benz gesehen zu werden. Was sich in diesem Haus abspielte war mir lange nicht klar. Und selbst, als ich später die theoretischen Hintergründe kannte, verstand ich nicht, warum diese netten Frauen – die eigentlich meiner Mutter sehr ähnelten – so viel Besuch bekamen.

Ab sechs Uhr früh war Lärm mein Begleiter. Das Wummern der Maschinen der Gardinenfabrik nebenan, das Zischen des Sandstrahlers aus den Werkstätten der Lackiererei auf der anderen Seite wurden zum weißen Rauschen meiner Kindheit. Auf dem Weg zur Schule ging ich immer durch eine Siedlung aus den Fünfziger Jahren. Kleine Häuser, mit den immer gleichen Dachschrägen, den immer gleichen Gärten und Klingelschildern aus Gusseisen. Viele Vertriebene hatten hier ihre neue Heimat gefunden, wir Kinder machten uns einen Spaß daraus, die Namen mit den vielen Ws und Cs und Zs laut und falsch zu lesen. Natürlich gab es den griesgrämigen alten Mann, der uns hinterher rannte, wenn wir unsere Schulbrote in seinen Postkasten rammten. Und natürlich gab es die schönen Mädchen mit den langen schwarzen Haaren, die nicht mit uns spielen durften. Sie mussten noch die Hausarbeit erledigen.

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Ein Spiel wie das verfickte Leben

Mit Minecraft hat  Markus „Notch“ Persson ein Multimillionen IP (Intellectual Property) geschaffen. Wenn ihr wissen wollt, worum es da geht, reicht es, irgendwen in der S-Bahn mit einer Erdnuss anzuschnipsen und danach zu fragen. So zwischendurch hat Notch für den Programmierwettbewerb Ludum Dare in nur zwei Tagen ein kleines Spiel programmiert, das zwischen Cookie Clicker und dem Brettspiel „Spiel des Lebens“ liegt. Nur viel, viel trauriger ist. Und deshalb ganz klar kein erbaulicher Zeitvertreib in einer depressiven Episode.  Weiterlesen

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