Kategorie: Jugendsünden

Nix falsch …

Ich war kein musikalisches Kind. Und bis zur Pubertät war mir Musik auch völlig egal. Obwohl ich ganze vier Jahre eine klassische Ausbildung an der Gitarre genoss.

Mein Gitarrenlehrer war ein spanischstämmiger Araber, der immer nach Zwiebeln roch. Meine harmonischen Bemühungen nahm er mit Gleichmut auf und dann und wann bekam ich auch ein Lob. „Nix falsch“, sagte er. Ich war froh, hatte ich doch wieder nicht geübt.

Den Gitarrenunterricht absolvierte ich zusammen mit einer Schulfreundin. Ich war nicht in sie verliebt. Und doch hatten wir mehr als einmal versucht, zu knutschen. Aber wir passten einfach nicht zusammen. Allein, es vertrieb uns die Wartezeit auf unsere Gitarrenstunden, die immer auf den späten Nachmittag fielen.

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Italienreise

Terracina_Unterkunft

Die großen Ferien. Wir fuhren immer nach Italien. Terracina. Mein Vater fuhr die ganze Strecke an einem Stück – 12 Stunden saßen wir so im Auto, wenn es gut ging. Gab es Stau vor dem Brenner, konnten es auch gut und gerne 18 Stunden werden.

Ich erinnere mich an die italienische Autobahn und ihre Tankstellen. Nahm eine davon keine Benzingutscheine des ADAC an, fuhren wir weiter. Manchmal blieben wir deshalb ein paar Kilometer vor der nächsten Tanke liegen. Ich lief dann mit meinen Vater und einem Kanister den Standstreifen der Autobahn lang. Wir trugen keine auffällige Warnkleidung. Ich erinnere mich an braungebrannte Tankstellenwärter mit starkem Haar- und Bartwuchs. Ich erinnere mich daran, dass es dort nie Wechselgeld gab. Stattdessen bekam mein Vater Süßigkeiten — kleine Schokoladentafeln oder Cantuccini. Jedes Mal regte er sich darüber auf, beruhigte sich wieder und meinte, Lire seien sowieso nur Spielgeld.

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Alkohol und Gewalt

 

Römisch Eins

Es war meist gegen frühen Nachmittag, dass sich meine Mutter recht komisch verhielt. So komisch, dass selbst ein Sechsjähriger das erkennen konnte. Ich hätte nicht sagen können, dass sie traurig war. Obgleich sie oft am Couchtisch saß und weinte. Mir war der genaue Zusammenhang nicht klar, aber das stets vollgefüllte Glas in ihrer Hand – sie setzte es nie ab, außer zum Nachfüllen – hatte etwas mit ihrer Stimmung zu tun.

Mit diesen Stimmungen vermochte ich umzugehen. Ich musste nur dafür sorgen, dass meine Mutter nicht für uns kochte. Oft genug hatte sie sich selbst und unser Essen verbrannt. Schwerer war, mit dem Verhalten meines Vaters zum Zustand meiner Mutter umzugehen. Wenn es heißt, der Mann habe die Hand gegen seine Frau erhoben, dann hat mein Vater sie viel zu oft auch fallen lassen. Mit Wucht und Kraft. Den körperlichen Auseinandersetzungen gingen stundenlange Diskussionen voraus, die wortreich und mit viel Emphase von meiner Mutter bestritten wurden und einsilbig von meinem Vater: „Du Säuferin, denk an die Kinder.“

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Des Vaters neue Frauen

 

Mein Vater hatte keine wirklichen Präferenzen. Sie mochten blond sein oder brünett. Schlank oder drall. Tumb oder gebildet. Es war ihm egal. Auf seine Art hatte er die Promiskuität zur Kunst erhoben. Mir wurde erzählt, er hätte jeder Frau – auch wenn es sich nur um eine einmalige Sache und eine Nacht gehandelt hatte – das Gefühl gegeben, nur ihretwegen geboren worden zu sein. Sein ganzes Selbst sei nur für diesen einen Moment erschaffen worden. Zielgerichtet hätten die Wogen des Schicksals ihn an ihre Gestade getragen. Aber das war natürlich Bullshit.

Ich habe nie mit ihm darüber gesprochen. Er starb, als meine Sexualität gerade erwachte. Ich wusste damals wenig über seine Affären. Ich erfuhr nur davon, wenn die Frau, die uns schlug, die er als seine ehemalige Sekretärin zum Burgfräulein erkoren hatte, ihn in unflätigster Art beschimpfte. Du Hurenbock, du Schwein, dein Schwanz ist kein Geschenk Gottes, auch wenn du das jeder erzählst, ich bring dich um, aber erst schneid‘ ich dir die Eier ab. Diese geschrienen Monologe hörte ich immer spät abends, wenn sie annahm, dass meine Schwester und ich schliefen.

Wie viele Frauen er bis zu seinem Tod hatte, weiß ich nicht. Aber es gibt eine Kiste mit alten Fotografien, auf denen er immer eine andere im Arm hält. Dazwischen er und meine Mutter. Und auf diesen Bildern sieht es oft aus, als seien sie wirklich glücklich. Noch heute meint sie, er sei ihre einzige echte Liebe gewesen. Der Mann, der sie schlug. Der Mann, der sie in die Alkoholsucht trieb. Der Mann, dem sie immer wieder verzieh, bis das unverzeihliche geschah. Dessen Ursache und Handelnde ironischerweise sie war.

Auf seiner Beerdigung gab es neben den nicht wirklich geschlossenen Reihen der Familie – man hasste sich wie in jeder normalen Familie üblich – eine etwas abgesetzte Gruppe von schwarz gekleideten Frauen. Sie weinten am lautesten und stärksten. Manche trugen Schleier vor den Augen, andere wagenradgroße Hüte. Sie waren wohl alle seine Beute gewesen. Und doch einte sie alle der Schmerz. Fast jede von Ihnen kondolierte uns. Eine Frechheit und eine sympathisch-naive Geste. Sie streichelten meine Wangen und stammelten, wie sehr sie meinen Vater gemocht hätten.

Mir war das egal. Ich kannte nur wenige von ihnen. Einige hatten mir Spielzeug geschenkt, wenn ich in ihren Wohnungen vor dem Fernseher warten sollte, bis mein Vater wieder aus dem Zimmer kam. Ich mochte das Spielzeug. Manches davon verkaufte ich an Schulfreunde. Mit dem Geld kaufte ich dann Panini-Sammelbildchen. So gesehen war mir seine dauernde Schürzenjagd recht. Aber jetzt war er tot.

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Nachrichten von gestern. Und Pornos.

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Mein Vater hatte zwei Firmen. Die Altpapier Erfassungs GmbH — im Akronymwahn der damaligen Zeit unter A.P.E. im Telefonbuch zu finden — und eine Spedition, die das Altpapier zur Papierfabrik Haindl brachte. Ich wuchs also zwischen Altpapierbergen auf. Und so war meine Wahrnehmung der Welt schon in frühester Kindheit geprägt durch Liegengelassenes, Weggeworfenes und den Nachrichten von gestern. Zeitschriften und Zeitungen türmten sich meterhoch auf und warteten darauf, wieder zu Zeitungen und Zeitschriften zu werden. Und dies zu einer Zeit im Westen, als Altpapier noch etwas wert war.

Täglich kamen Menschen und brachten ihre Papierbündel zum Wiegen. Ich weiß nicht mehr, wie viel es dafür gab, aber sicher genug, um mit Altpapierbündeln eine Autofahrt ins Industrieviertel der Stadt auf sich zu nehmen. Und so wechselten sich an der Papierwaage geschäftstüchtige Jugendliche mit ihren Bonanzarädern mit professionellen Papiersammlern ab, die mit Kleinbussen vollgestopft bis oben hin anfuhren. Dazwischen kamen alte Frauen mit einer Tasche auf Rädern, die mein Vater „Hackenporsche“ nannte. Ihnen war die Qual des Weges anzusehen und auch die Freude, wenn sie ihre paar Pfennige ausgehändigt bekamen. Ich hatte mehrmals versucht, meinen Vater davon zu überzeugen, dass ich die Mengen Papier, die ich am Abend vorher in einer Ecke geschichtet hatte, unter körperlicher Anstrengung selbst gesammelt hätte. Mein Lohn blieb mir versagt. Ohne die Papierbündel überhaupt zu wiegen, kamen sie wieder auf die Haufen.

Doch wo es kein Geld gab, gab es andere Dinge, die genauso wertvoll für mich waren. Mit Freunden waren wir stundenlang auf der Suche nach den verborgenen Schätzen in der Flut von Druckmitteln. Comics waren für uns Kinder am wertvollsten. Donald Duck Hefte waren gern gesehen, doch noch lieber waren uns Superhelden. Spiderman lag bei mir schon damals ganz weit vorne, gefolgt vom Hulk. Mit Superman und noch schlimmer, seinem Streberbruder Batman hingegen konnte ich wenig anfangen — früh war mir klar, dass absolute Unbesiegbarkeit und Cleverness immer einen faden Beigeschmack hatte.

Tagsüber hatten wir Kinder auf dem Gelände eigentlich nichts zu suchen. Große Schaufelbagger wälzten das Recyclingmaterial um und schafften es auf ein Fließband zur Sortierung. Und genau an der Abrisskante der Baggerschaufeln fanden wir Kinder natürlich die größten Schätze. In Hassliebe verbunden waren wir den Angestellten meines Vaters, dunklen Männer aus dem Süden – Spanier, Griechen und Italiener suchten ebenso die Papierberge ab wie wir. Lange war es uns ein Rätsel, was sie wohl mit Comics wollten, bis wir eines Tages mit offenen Mündern die Tasche eines immer schwitzenden und leicht säuerlich riechenden Arbeiters durchsuchten, als der auf dem Klo war. Was wir dort zu Gesicht bekamen, waren mitnichten Superhelden oder Enten, die reden konnten. Nackte Frauen blitzten uns entgegen. In der soften Variante in Form von Zeitschriften, die Schlüsseloch und Praline hießen. In der harten Variante in Form von Pornos — sie waren also der heilige Gral der Altpapierverwertung. Das beste daran war, dass die Arbeiter meines Vaters bereit waren, für diese Heftchen zu zahlen. In harter Münze und für uns Kinder in immenser Höhe. Einen ganzen Sommer lang waren wir auf der Jagd nach diesen Heften und füllten unsere „Schweinekasse“ damit auf. Zu dieser Zeit konnten wir im Freibad mit den verwöhnten Jungs aus den reichen Stadtteilen gut mithalten. Unsere Panini Fußballbildersammlung war dicker als die der anderen. Und für eine Cola mit Pommes für die Mädchen — die wir noch wenige Minuten vorher unter Wasser getaucht hatten — war auch noch Geld da. Zum Abendessen war ich immer satt. Ich schmierte mir pro forma ein Leberwurstbrot, belegte es mit Gurkenscheiben und ließ die Hälfte stehen.

Es war die schönste Zeit meiner Kindheit. Bis die Großen kamen.

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Mädchen. Wichtig.

Mädchen. Wichtig. Als Spielpartner und schon früh als Versprechen einer ganz besonderen Art von Ablenkung. Der allgegenwärtige Sex der späteren Jahrzehnte zeigte mir sein Gesicht das erste mal in der linkischen Gestalt meiner Nachbarin Andrea. Lange teilten wir allein kindliche Interessen. Bis zu jenen heißen Sommernächten. Unsere Eltern hatten uns gestattet, gemeinsam in unserem Garten zu zelten. In diesen Nächten zogen wir uns vollständig aus und untersuchten uns gegenseitig. Ich steckte die Nase zwischen ihre Beine. Es roch nach Urin. Und ich war erregt. Mit sieben Jahren hatte ich einen Ständer, der nach Andreas Aussage leider nach gar nichts roch. Nicht einmal nach Pisse. Unser Umgang miteinander änderte sich ansonsten nicht. Wir spielten auch danach wie immer miteinander und machten weiter nicht viel Aufhebens um unser Tun. Welches wir öfter wiederholten. Allein Küssen mochte ich Andrea nicht. Küssen mochte ich andere Mädchen. Ältere Mädchen, die auf dem Schulhof in der anderen Ecke standen und in der Klasse ihre Poesiealben herumreichten. Ich hab‘ mich hinten angewurzelt, dass niemand aus dem Album purzelt.

Meine erste echte Freundin hieß Sandra. In der vierten Klasse verließen wir immer kurz nacheinander den Sportunterricht, um aufs Klo zu gehen. Ich stehe in der verlassenen Umkleidekabine zwischen leeren Turnbeuteln und stinkenden Kinderschuhen. Ich warte auf Sandra. Die muss doch gleich kommen. Wir hatten es vorhin so in einer Ecke der Turnhalle besprochen. Um von unserer Beziehung abzulenken, hatte ich kurz vorher noch mit einem Medizinball auf sie geworfen, aber absichtlich verfehlt. Endlich kommt sie um die Ecke. Wir stehen neben den verschlossenen Spinden, die – solange ich in der Schule war – auch nie geöffnet wurden. Ich wusste nicht, wofür sie da waren und ob sie noch etwas beherbergten. Sandra ist einen halben Kopf größer als ich. Sie legt die Arme um meine Taille, das mag ich nicht. Ich hebe ihre Arme hoch, sie soll mich auf den Schultern umarmen. Meinen Kopf zu sich heranziehen. Wir knutschen. Es macht Spaß. Zwei Tage später trennen wir uns. Es spielte keine Rolle. Drei Tage später sollte ich meine erstes Fußballspiel live in München erleben.

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Die Schubladen meines Vaters

Meinen ersten Playboy fand ich im Büro meines Vaters. Ich sage fand, weil ich wirklich suchte. Etwas, einfach irgend etwas. Das Büro war zweckmäßig und schlicht eingerichtet. Elektronische Geräte waren damals fast noch vollständig abwesend. Einzig ein Tonbandgerät, an das ich „sonst gibt’s so richtig den Arsch voll“ nicht durfte. Und eine elektrische Schreibmaschine, an die ich mich trotz Verbots setzte.

Die Regale waren voll mit LEITZ-Ordnern, in der Ecke stand ein wuchtiger Tresor, den größten Teil des Zimmers nahm der Schreibtisch ein. Und dessen Schubladen waren abgesperrt. Meist. Wie ein juveniler Kleinkrimineller an geparkten Autos versuchte ich jedes Mal sie dennoch zu öffnen. Und manchmal hatte ich Glück.

In den Schubladen waren die spannenden Dinge: ein Cuttermesser, ein Briefbeschwerer mit Hirschgeweih, ein elektronischer Taschenrechner, dessen kleine Röhren leuchtend rot die Zukunft heraufbeschwörten – eine Zukunft, die ich bisher nur aus Raumschiff Enterprise kannte. Ich fand Quittungsblöcke, die ich stahl, ein Maßband aus Metall, das sich auf Knopfdruck einrollte und mir fast jedes Mal dabei in den Finger schnitt. Ich fand ein Bündel Briefe und ließ es liegen, später erfuhr ich, dass es wohl Liebesbriefe seiner vielen Affären waren.

Aber das größte Geschenk an einen knapp zehnjährigen waren aber die Playboy und Penthouse-Hefte. Sie waren wirklich gut versteckt. Sie lagen in dem Zwischenraum von unterster Schublade und Boden. Säuberlich geordnet. Was mir nicht klar war. Aber ich kurze Zeit später schmerzlich erfahren musste. Denn da bekam ich auf den Arsch. So richtig.

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Ein Sommer ohne Liebe

Es kam die Zeit, zu der uns langweilig wurde. Wir schienen von der endlosen und drückenden Hitze fast ebenso gelähmt wie die Erwachsenen, die uns nur noch mit mattem Winken wegscheuchten und meinten, wir sollten erst wiederkommen, wenn abends der Grill heiß sei.

Aber was tun? Die Baggerseen und Freibäder waren inzwischen abgegrast, alle Mädchen hatten wir schon getaucht. Das Zehn-Pfennig-Eis hing uns zum Halse raus und mit unseren Fanta-JoJos wollten wir nicht mehr üben – Weltmeister würden wir so oder so nicht mehr werden. Wichtig war nur, ob man ein blaues oder oranges JoJo hatte. Denn das blaue, teurere adelte einen, das orange war für die Jungs aus den armen Stadtteilen. Ich hatte erst ein oranges, später klaute ich mir einfach ein blaues.

Ich war schwer verliebt in diesem Sommer. Wir alle waren damals immerzu verliebt, aber ich besonders. Ihr Name war Sabine Eisenhart. Mein Therapeut, von dem ich zu dieser Zeit natürlich noch nichts wusste, würde mich ungefähr 30 Jahre später auf den Freudschen Namenswitz aufmerksam machen. Ich musste nicht lachen.

Ich war verliebt, zugegebenermaßen unglücklich, aber wir waren damals immerzu unglücklich verliebt. Wir erlitten dabei so viel Schmerz, wie pubertären zwölf- bis vierzehnjährigen nur zuzumuten war. Sex? Ja, Sex war kein Geheimnis mehr. Wir tauschten untereinander die Pornohefte unserer Väter – über Playboy und Penthouse konnten wir nur noch milde lächeln. Am heftigsten fanden wir das eine Exemplar „Happy Weekend“, das wir einem Fernfahrer auf der Freibadtoilette gemopst hatten. Es macht so lang die Runde, bis es fast völlig zerfleddert auseinanderfiel.

Aber natürlich hatte noch keiner von uns wirklich Sex gehabt. Tägliches, mehrmaliges wichsen am Tag ja. Damit ließ sich auf die ein oder andere Art auch angeben. Aber Sex, mit einem echten Mädchen? Nein. Immerhin hatten wir keine Scheu, uns unsere Angst vor dem ersten Mal zu gestehen. Wir fühlten uns dadurch verbunden. Bis auf Markus, genannt Max. Er schwor Stein und Bein, es schon gemacht zu haben. Im Zeltlager, mit einer sechzehnjährigen. Einer richtigen Frau also. Sie hätte ihn ganz schön rangenommen. Aber dann hätte auch er es ihr richtig besorgt.

Wir alle glaubten ihm eigentlich kein Wort, aber genossen dennoch jeden weiteren Höhepunkt seiner Erzählung. Seine Story wurde jedes Mal besser und geschliffener. Max lernte, dass es auf die kleinen Details ankam: wie sich die Schlafsäcke verhakten, ihr Mund beim Küssen erst nach Leberwurstbrot schmeckte, das sie vorher miteinander geteilt hatten, sie am Morgen darauf ihr Höschen nicht mehr finden konnte und er es erst Zuhause in seinem Schlafsack wiederfand. Er würde sie heute noch an dem Höschen riechen können, uns würde er es aber nicht zeigen. Das verbot der Anstand. Aber uns war das egal. Wir wussten, dass er log. Und wir wollten belogen werden.

Was also Sex betraf, war Max eine Institution – wenigstens diesen einen Sommer lang. Aber von Liebe, wahrer Liebe verstand er nichts. Das wusste ich. An Sex mit Sabine Eisenhart war gar nicht zu denken. Nein, sie schien einfach unberührbar, der Liebe vielleicht gar nicht fähig. Sie nahm mich nicht zur Kenntnis. In der Schule nicht, ich saß drei Reihen hinter ihr, eine in Physik. Und am Baggersee auch nicht, wir alle lagen hinter ihrer Mädchenclique und röhrten wie junge, brünftige Hirsche. Sabine Eisenhart schien allgemein ein Sonderfall zu sein, meine Freunde nannten sie frigide. Keiner wusste, was das genau heißen sollte, aber es erklärte wohl ihre eiserne Disziplin und Zurückhaltung.

Ich hatte in diesem Sommer keinen Sex mehr. Nicht mit Sabine Eisenhart oder einem anderen Mädchen. Als ich im Jahr darauf zum Zuge kam, wünschte ich mir aber, sie wäre es gewesen. Und nicht das Mädchen mit dem eigentümlichen Körpergeruch.

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SEA MONKEYS leben GARANTIERT

Schön war es, krank zu sein. Von Schulfreunden wurden einem Respekt und Anerkennung gezollt und im trauten Heim vergaßen meine Eltern, sich zu streiten. Meine Schwester und ich bekamen die Windpocken. Ich stark. Mein ganzer Körper war übersät mit flüssigkeitsgefüllten Blattern. Ich fühlte mich wie einer dieser Aussätzigen aus meinen Abenteuerromanen. Der schlimmste Alptraum eines jeden Piraten. Wer nicht gehorchte, wurde auf einer der Leprainseln ausgesetzt. Hier verlor man nicht nur seine Gliedmaßen und langsam den Verstand sondern auch jede Art der Selbstachtung.

 

Sea-Monkeys

Bei mir war es das Gegenteil. Meine Mutter riss sich am Riemen und umsorgte uns. Mein Vater brachte Geschenke mit nach Hause und interessierte sich wenigstens für die zwei oder drei Wochen währende Krankheit für mich. Es gibt heute noch Bilder, wie meine Schwester und ich mit einer eklig riechenden Tinktur beschmiert Grimassen schneidend in die Kamera grienen.

Ich wühlte mich in den ruhigen Wochen der Krankheit durch Berge von Comics, die mein Vater anschleppte. Und wir bestellten die Sea Monkeys. Mein Vater riet mir wohlwollend ab, ich wollte nur die notwendigen fünf Mark. Ich bekam sie und kurz darauf mit der Post „Ein Hobby für die ganze Familie. Lebende SEAMONKEYS aus der Tüte unglaublich aber w a h r!“

Ich kümmerte mich herzlich um sie. Aber auch nach Tagen war aus der unansehnlichen braunen Suppe in meinem Goldfischglas nichts weiter geworden, als klares Wasser mit Ablagerungen am Boden. Ich hatte meinen ersten Genozid veranstaltet, einen weiteren auf deutschem Boden. Ein Volk von lebenshungrigen Sea Monkeys war auf mein Betreiben hin ausgerottet worden, darunter „lebende, atmende Tierchen, Männchen, Weibchen und Babies“. Ich musste etwas falsch gemacht haben und weinte bitterlich. Mein Vater streichelte mir über den Kopf und sagte: „Na siehste.“

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Dr. Erika und Grauburgunder

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Dr. Erika und Grauburgunder waren dem Gedanken der Neutralität nicht abgeneigt. Grauburgunder erklärte deshalb am Wochenende den Küchentisch zur Schweiz. Das Butterfässchen sollte aber keine Einreiseerlaubnis erhalten. Dr. Erika fand das ausnehmend ungerecht – natürlich habe das Butterfässchen kein Zahngold mitgebracht, doch das sei kein schlagendes Argument. Der Engel stippte derweil seine ungewaschenen Finger in das Heidelbeergelee. Grauburgunder lief aus gerechtem Zorn darüber rot an und zerriss vor aller Augen die Konzertkarten für Mozarts Entführung aus dem Serail. Danach schien der Samstag allen wie durch Rauchglas.

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