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Alkohol und Gewalt

 

Römisch Eins

Es war meist gegen frühen Nachmittag, dass sich meine Mutter recht komisch verhielt. So komisch, dass selbst ein Sechsjähriger das erkennen konnte. Ich hätte nicht sagen können, dass sie traurig war. Obgleich sie oft am Couchtisch saß und weinte. Mir war der genaue Zusammenhang nicht klar, aber das stets vollgefüllte Glas in ihrer Hand – sie setzte es nie ab, außer zum Nachfüllen – hatte etwas mit ihrer Stimmung zu tun.

Mit diesen Stimmungen vermochte ich umzugehen. Ich musste nur dafür sorgen, dass meine Mutter nicht für uns kochte. Oft genug hatte sie sich selbst und unser Essen verbrannt. Schwerer war, mit dem Verhalten meines Vaters zum Zustand meiner Mutter umzugehen. Wenn es heißt, der Mann habe die Hand gegen seine Frau erhoben, dann hat mein Vater sie viel zu oft auch fallen lassen. Mit Wucht und Kraft. Den körperlichen Auseinandersetzungen gingen stundenlange Diskussionen voraus, die wortreich und mit viel Emphase von meiner Mutter bestritten wurden und einsilbig von meinem Vater: „Du Säuferin, denk an die Kinder.“

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Endstation Crèmezucht

 

Mediterran nennen sie es und schlürfen Latte Macchiatos in den Eckcafés. Und die Welt zieht an ihnen vorbei. Gemächlich und schnell, trübe Tassen und durchsichtige Gauner, liebende Pärchen und hassende Partner. Sie machen eine Löffelumdrehung und kehren zurück, sie streuen Zucker in die Wunden und rühren darin herum, zurück bleibt allein ein herzförmiger Fleck. Milchschaum geborene Weisheiten machen die Runde, freundliches Lächeln ist angebracht — in ihren Gesichtern. Wer nichts zu sagen hat, sagt es trotzdem, nicken tun die anderen, von oben nach unten und meinen doch von links nach rechts. Ein durchschnittliches Gehirn wiegt vier Kilo und da ist der Leichtsinn nicht mit drin, auch nicht die schweren Gedanken, die einen herunterziehen, so weit, dass der Kopf auf der Tischfläche haften bleibt. Man möchte sich schütteln und schüttelt nur Hände, die klammen, die warmen, die schlaffen. Wer sich fortbewegen will, der hat kein Mittel, der Tank ist leer. So halten sie ihre Saugstutzen über die Kaffeegläser, mit geschürztem Mund zwingen sie die Melange herunter, in den Schlund — Endstation Crèmezucht. Die Welt dreht sich weiter, nehmen sie an. Und doch steht alles still.

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Sie kann noch bleiben

Der Mann meiner Mutter ist heute gestorben. Er war blind. Und er war schon lange krank. Psychisch und körperlich. Uns hatte keine Freundschaft verbunden. Aber Hass auch nicht. Wir hatten unseren Frieden geschlossen. Ich hatte ihm vergeben, dass er — vermeintlicherweise — meiner Mutter Jahr um Jahr zur Hölle gemacht hat. Und er mir hoffentlich, dass ich immer so ein arroganter Klugscheisser war, wenn wir uns trafen. Noch drei Wochen vor seinem Tod habe ich für ihn seine Wohnung gesaugt. Meine Mutter hatte gerade ihre Herz-OP hinter sich und war auf Reha am Starnberger See. Kein Zuckerschlecken. Und jetzt. Jetzt steht der dicke, blinde, tote Mann da und sagt „Erster“ zu meiner Mutter. Und er sagt es leise. Und sanft. Und er flüstert mir zu, „Sie kann noch bleiben. Pass schön auf.“ Ich habe Angst.

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Mädchen. Wichtig.

Mädchen. Wichtig. Als Spielpartner und schon früh als Versprechen einer ganz besonderen Art von Ablenkung. Der allgegenwärtige Sex der späteren Jahrzehnte zeigte mir sein Gesicht das erste mal in der linkischen Gestalt meiner Nachbarin Andrea. Lange teilten wir allein kindliche Interessen. Bis zu jenen heißen Sommernächten. Unsere Eltern hatten uns gestattet, gemeinsam in unserem Garten zu zelten. In diesen Nächten zogen wir uns vollständig aus und untersuchten uns gegenseitig. Ich steckte die Nase zwischen ihre Beine. Es roch nach Urin. Und ich war erregt. Mit sieben Jahren hatte ich einen Ständer, der nach Andreas Aussage leider nach gar nichts roch. Nicht einmal nach Pisse. Unser Umgang miteinander änderte sich ansonsten nicht. Wir spielten auch danach wie immer miteinander und machten weiter nicht viel Aufhebens um unser Tun. Welches wir öfter wiederholten. Allein Küssen mochte ich Andrea nicht. Küssen mochte ich andere Mädchen. Ältere Mädchen, die auf dem Schulhof in der anderen Ecke standen und in der Klasse ihre Poesiealben herumreichten. Ich hab‘ mich hinten angewurzelt, dass niemand aus dem Album purzelt.

Meine erste echte Freundin hieß Sandra. In der vierten Klasse verließen wir immer kurz nacheinander den Sportunterricht, um aufs Klo zu gehen. Ich stehe in der verlassenen Umkleidekabine zwischen leeren Turnbeuteln und stinkenden Kinderschuhen. Ich warte auf Sandra. Die muss doch gleich kommen. Wir hatten es vorhin so in einer Ecke der Turnhalle besprochen. Um von unserer Beziehung abzulenken, hatte ich kurz vorher noch mit einem Medizinball auf sie geworfen, aber absichtlich verfehlt. Endlich kommt sie um die Ecke. Wir stehen neben den verschlossenen Spinden, die – solange ich in der Schule war – auch nie geöffnet wurden. Ich wusste nicht, wofür sie da waren und ob sie noch etwas beherbergten. Sandra ist einen halben Kopf größer als ich. Sie legt die Arme um meine Taille, das mag ich nicht. Ich hebe ihre Arme hoch, sie soll mich auf den Schultern umarmen. Meinen Kopf zu sich heranziehen. Wir knutschen. Es macht Spaß. Zwei Tage später trennen wir uns. Es spielte keine Rolle. Drei Tage später sollte ich meine erstes Fußballspiel live in München erleben.

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Ein Sommer ohne Liebe

Es kam die Zeit, zu der uns langweilig wurde. Wir schienen von der endlosen und drückenden Hitze fast ebenso gelähmt wie die Erwachsenen, die uns nur noch mit mattem Winken wegscheuchten und meinten, wir sollten erst wiederkommen, wenn abends der Grill heiß sei.

Aber was tun? Die Baggerseen und Freibäder waren inzwischen abgegrast, alle Mädchen hatten wir schon getaucht. Das Zehn-Pfennig-Eis hing uns zum Halse raus und mit unseren Fanta-JoJos wollten wir nicht mehr üben – Weltmeister würden wir so oder so nicht mehr werden. Wichtig war nur, ob man ein blaues oder oranges JoJo hatte. Denn das blaue, teurere adelte einen, das orange war für die Jungs aus den armen Stadtteilen. Ich hatte erst ein oranges, später klaute ich mir einfach ein blaues.

Ich war schwer verliebt in diesem Sommer. Wir alle waren damals immerzu verliebt, aber ich besonders. Ihr Name war Sabine Eisenhart. Mein Therapeut, von dem ich zu dieser Zeit natürlich noch nichts wusste, würde mich ungefähr 30 Jahre später auf den Freudschen Namenswitz aufmerksam machen. Ich musste nicht lachen.

Ich war verliebt, zugegebenermaßen unglücklich, aber wir waren damals immerzu unglücklich verliebt. Wir erlitten dabei so viel Schmerz, wie pubertären zwölf- bis vierzehnjährigen nur zuzumuten war. Sex? Ja, Sex war kein Geheimnis mehr. Wir tauschten untereinander die Pornohefte unserer Väter – über Playboy und Penthouse konnten wir nur noch milde lächeln. Am heftigsten fanden wir das eine Exemplar „Happy Weekend“, das wir einem Fernfahrer auf der Freibadtoilette gemopst hatten. Es macht so lang die Runde, bis es fast völlig zerfleddert auseinanderfiel.

Aber natürlich hatte noch keiner von uns wirklich Sex gehabt. Tägliches, mehrmaliges wichsen am Tag ja. Damit ließ sich auf die ein oder andere Art auch angeben. Aber Sex, mit einem echten Mädchen? Nein. Immerhin hatten wir keine Scheu, uns unsere Angst vor dem ersten Mal zu gestehen. Wir fühlten uns dadurch verbunden. Bis auf Markus, genannt Max. Er schwor Stein und Bein, es schon gemacht zu haben. Im Zeltlager, mit einer sechzehnjährigen. Einer richtigen Frau also. Sie hätte ihn ganz schön rangenommen. Aber dann hätte auch er es ihr richtig besorgt.

Wir alle glaubten ihm eigentlich kein Wort, aber genossen dennoch jeden weiteren Höhepunkt seiner Erzählung. Seine Story wurde jedes Mal besser und geschliffener. Max lernte, dass es auf die kleinen Details ankam: wie sich die Schlafsäcke verhakten, ihr Mund beim Küssen erst nach Leberwurstbrot schmeckte, das sie vorher miteinander geteilt hatten, sie am Morgen darauf ihr Höschen nicht mehr finden konnte und er es erst Zuhause in seinem Schlafsack wiederfand. Er würde sie heute noch an dem Höschen riechen können, uns würde er es aber nicht zeigen. Das verbot der Anstand. Aber uns war das egal. Wir wussten, dass er log. Und wir wollten belogen werden.

Was also Sex betraf, war Max eine Institution – wenigstens diesen einen Sommer lang. Aber von Liebe, wahrer Liebe verstand er nichts. Das wusste ich. An Sex mit Sabine Eisenhart war gar nicht zu denken. Nein, sie schien einfach unberührbar, der Liebe vielleicht gar nicht fähig. Sie nahm mich nicht zur Kenntnis. In der Schule nicht, ich saß drei Reihen hinter ihr, eine in Physik. Und am Baggersee auch nicht, wir alle lagen hinter ihrer Mädchenclique und röhrten wie junge, brünftige Hirsche. Sabine Eisenhart schien allgemein ein Sonderfall zu sein, meine Freunde nannten sie frigide. Keiner wusste, was das genau heißen sollte, aber es erklärte wohl ihre eiserne Disziplin und Zurückhaltung.

Ich hatte in diesem Sommer keinen Sex mehr. Nicht mit Sabine Eisenhart oder einem anderen Mädchen. Als ich im Jahr darauf zum Zuge kam, wünschte ich mir aber, sie wäre es gewesen. Und nicht das Mädchen mit dem eigentümlichen Körpergeruch.

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Fremd im eigenen Hemd

Es gab seinerzeit eine neue Abmachung: Nämlich so lange einen Fremden bei sich zu beheimaten, bis dieser Onkel Johannes wie aus dem Gesicht geschnitten sei. Dafür war viel Stühlerücken nötig gewesen und der Gewinner, Herr Gaske, mochte nach seinem stillen Triumph der netten Lisette vom Ende des Gangs nicht mehr die Hände schütteln.

Gerüchte machten anschließend die Runde, versammelten sich an Ecken und hängten sich Schilder mit dem Titel „Wahrheit“ um. Ein Glück, dass Dr. Friedrich – der Hauptmann der Gesangspolizei – am Vortag aus dem Urlaub zurückgekehrt war. Er war bekannt dafür, tüchtig durchzugreifen und hatte sich mit der Finanzierung des Wehklagens der hiesigen Leuchtturmwärter über die Grenzen der Schachbrettwiese hinaus einen schon lange vergessenen Namen gemacht.

Onkel Johannes saß mit dem Fremden jetzt immer öfter vor dem Raclette-Ofen und wies, wenn nötig, auf sein Muttermal hin, das in seinen Umrissen genau den Osterinseln entsprach – nur ein wenig bewaldeter schien. Der Fremde mochte dann nicht  weiter den trotzigen Kindskopf spielen und gab seinerseits eine Anekdote zum Besten: So sei er damals, weit vor seiner eigenen Zeit, in seiner Funktion als Versammlungsfreiheit viel zu oft eingeschränkt worden. Als er dann – wohlgemerkt beim Ortsvorsteher regelgerecht und in dreifacher Ausführung angemeldet – seine Sammlung berüchtigter Beutelschneider im Kirchamt ausstellen wollte, kam niemand. Selbst der Pfarrer, meinte der Fremde, verhielt sich  zusehends abweisender.

Einmütiges Kopfnicken begleitete diese wahrhaft rührende Geschichte und das Abendrot sehnte sich nach den Zeiten des Orange. Das Brot war kross, die Kinder stellten sich der Größe nach an einer Wand auf und Frau Semmeling ordnete ihre Schmetterlinge nach Aktiennamen. Am nächsten Tag stand im Generalanzeiger, dass niemand unter dem Kunstdruck zusammengebrochen war. Das stärkte ganz allgemein das Gefühl des Zusammenhalts. Damit war dann letztendlich auch die Geschichte mit den gefälschten Todesanzeigen vom Tisch.

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Maria — aber eine andere

Der alten Frau Simon ist der Sittich weg geflogen. Kann gut sein, dass die alte Dame das nicht überlebt. In den Dörfern und Städten Bayerns ist der Karfreitag eine stinkende Melange aus Glockenläuten und Sandalenfilmen. Die Menschen essen gut und viel. Meist bei der Familie. Wenn die tot ist, auch allein.

Ich wollte das nie. Ich wollte stattdessen das Nachbarsmädchen namens Maria küssen. Maria war hübsch und hatte früher Brüste als die anderen Mädchen. Es schien, als ob sie darunter litt. Ich nicht.

Am Karfreitag begegnen einem in Bayern die Toten. Auf der Straße und überall. Unser Pfarrer predigte schlecht, aber mit Eifer. Speichelfäden verklebten seine Mundwinkel, seine Finger waren gelb von Nikotin. Wenn er mir die Hostie in den Mund legte, konnte ich seine Finger riechen. Die gleichen Finger, mit denen er über die Köpfe der Ministrantenjungen strich, um sie zu begrüßen. Er strich oft und gerne über die Köpfe seiner Ministrantenjungen.

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Tod und Ficken

Man muss ja nicht gleich handgreiflich werden, denkt Zoellner, kurz bevor er stürzt. Und, ich glaube nicht an Gewalt, als er die Treppe hinab fällt. Ich fühl mich schlecht, ich muss scheißen, flüstert Zoellner der jungen Frau zu, die ihr freiwilliges soziales Jahr in dem Hospiz ableistet. Ich vermute, dass das Sterben erst mit dem Tod endet, sagt Zoellner, aber eigentlich geht’s nur ums Ficken. Immer und dauernd, mir wird übel davon, speiübel. Dann möchte ich kotzen, aber ich kann nicht, weil ich scheißen muss.

Für die junge Frau ist Zoellner nur Patient. Und übers Sterben und den Tod muss er ihr nichts erzählen – sie war zwei Monate in Indien. Sie war mit Pavel dort. Pavel, der kleine Pavel, mit den dunklen Augen und dem schlichten Gemüt. Da ging’s ums Ficken, ja, da schon. Aber nicht bei Zoellner. Bei Zoellner geht’s noch nicht mal wirklich ums Sterben. Zoellner ist nur im Hospiz, weil auf der Orthopädischen kein Platz mehr frei ist.

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Ein trauriger Kamerad – der Kaugummiautomat

2015-10-24_Kaugummi

Jetzt mal ehrlich. Natürlich war klar, dass der Shit nicht schmeckt. Dass man von der steinharten und bröckeligen Kugel einen Kaumuskelkater bekommen wird. Wenn man für seine 10 Pfennig überhaupt eine aus dem Automaten bekommen hat. Weil der Automat ohne Grund nicht wollte. Oder der Idiot aus der Straße unbedingt einen „Der ist voll genau so groß wie ein Zehnpfennigstück, glaub mir, echt du“-Kieselstein in das Rändelrad stopfen musste. Seis drum. Sie hängen immer noch in unseren Städten rum. Und sehen immer noch genau so aus wie früher. Ich mag sie. Haste mal 50 Cents?

 

Old Chewing Gum Machine

 

 

Kaugummiautomat

 

 

Kaugummiautomat

 

 

Kaugummiautomat Ⅱ

 

 

Kaugummiautomat Ⅲ

 

 

Bubble Gum Machine

 

 

no more chewing gum

 

 

Bubble Gum machine 'Digimon'

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