Stammbaum der Liebe (mit Wurzeln aus Hass)

Cäcilia – die Mutter meines Vaters

1_midSie war eine harte Frau. Die härteste, hieß es in der Familie. Ich sah sie nie eine Träne vergießen. Und selbst in ihrem Tod schien sie mir hart. Hart und abgemagert. Wenige Minuten vor ihrem Tod stand ich noch an ihrem Bett und streichelte ihre trockene Haut.
Als sie noch lebte, da soll sie geliebt haben – wie jeder andere Mensch auch. Ihre Liebe galt ihren Kindern, Haus und Hof und natürlich ihrem Mann. Weiterlesen

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Halbe Stunden

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Langeweile haben sie hier für mich. Man ist überrascht, wie angefüllt ein Tag auf Reha sein kann, mit Seminaren zu Ernährung, Bewegung, Medikamenten und Entspannung. Mit verpflichtenden Angeboten wie Walking, Ergometer, Wassergymnastik, Muskelaufbau,Qigong, Progressive Muskelentspannung, Nordic Walking, Massagen usw. usf. Wie fordernd so ein Tag sein kann – selbst wenn man in einem fordernden Job zu Hause ist. Aber – und hier liegt der wesentliche Unterschied – zwischen allen Angeboten liegen immer wieder wenigstens 30 Minuten Leerlauf. Leerlauf, den jeder anders für sich nutzt.

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Wandlitz – ich werde rehabilitiert.

Pillen

Es waren wohl nicht nur die Streptokokken. Ich hatte einen Herzinfarkt – der ist zwei Wochen her und ich lebe noch. Am Montag nehmen sie mich in die Mangel. Rehabilitationsklinik nennen sie es. Ich kenne das. Ich habe schon Filme gesehen über so etwas. Nach außen eine saubere Fassade und drinnen warten die Ghouls auf mich. Die strenge Physiotherapeutin, der kichernde Sporttherapeut, die kuhäugige Ökotrophologin, der Typ, der immer nur stiert, der Mann mit den gelben Fingern und zwei Packen Zigaretten im Bademantel.

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Aus dem Morast

2015-09-06_The_Church

Ich bin ein wenig krank. Nichts besonderes, nur eine Infektion mit Streptokokken. Die Antiobiotika werdens schon richten. Was es aber richtig unangenehm macht, ist die Tatsache, dass mein Geist jede Art von körperlicher Schwäche oder Unpässlichkeit sofort mit der schwersten Zeit meiner Depression gleichsetzt. Schnell kommen dann die schwermütigen Gedanken aus dem Morast hervor. Ich muss nur kurz vor die Tür treten und auf dem Fußweg klingelt jemand hinter mir mit der Fahrradklingel Sturm. Wenn der heute zu spät kommt, dann ist alles verloren. So einer kann nicht mit Würde fahren. Geduckt über den Lenker zeigt er mir den Vogel, umfährt ein Stück weiter kopfschüttelnd die Mutter mit Kinderwagen. Ich bin so müde. Um mich herum hetzen Menschen, die plötzlich erwachsen waren und jetzt all die Dinge haben, die man eben so hat: Girokonten, Burnout, Sex, Angst, Internet, Likes, Unlikes, Angst, Gos und No-Gos, Wünsche, Kinder, Angst und manchmal Partner. Sie hetzen gemeinsam ganz allein durch den frühen Morgen. Haben Augen nur für sich. Keiner sieht mich, welch ein Glück. Sie schauen nur nach vorne. In die Zukunft, die in 10 Minuten ist. Oder ins Gestern, das Jahre her ist. Weißt du noch, damals auf dem Berg? Ich muss nur zur Apotheke. Das reicht mir auch. Die Apothekerin ist schnippisch. Ich vielleicht auch. Ich leg mich wieder hin.

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Die Ärzte fuhren Cabrios während die Patienten starben

Der Auspuff qualmte noch, als die freundliche Frau zum wiederholten Male die Schlampe direkt vor ihrer Haustür fand. Sie sei nicht immer eine Schlampe gewesen, meinte Jasmin später bei einer gemeinsamen Kreuzkümmelzigarette.  Hast du einen Namen, oder soll ich dich einfach Schlampe nennen, hatte die freundliche Frau sie kurz zuvor gefragt und sich dabei unauffällig ein Tischtuch vor den Mund gehalten. Jasmin, antwortete die Schlampe, nenn’ mich Jasmin, so hieß damals unser Freibad, das wir zum Töpfern nutzten. Es hatte keinen 2-Meter-Turm. Ich war nicht immer eine Schlampe, seufzte Jasmin und zog an ihrer  Kreuzkümmelzigarette. Dabei öffnete sie etwas ihre Schenkel, wie es Schlampen in ihrer Arbeitszeit tun. Die freundliche Frau sah sich Jasmins Schamhaare kurz an und tanzte verlegen einen Quickstep. Schambehaarung macht mich immer ganz verlegen, erklärte die freundliche Frau, aber erzähl doch weiter. Währenddessen ging der einsame Boxer aus der Nummer 7 am Fenster vorbei. Als die Schlampe dies sah, machte sie einen Kussmund und bewegte dazu einladend ihre Brüste. Der Boxer täuschte schnell eine Erektion vor, denn das verlangen Schlampen von einem. Ich war Schwesternschülerin, fuhr Jasmin fort. Die Ärzte fuhren Cabrios während die Patienten starben. Das tun sie aus Trotz, sagte Schwester Johannes dann immer. Ich mochte Schwester Johannes, sie erinnerte mich an das grüne Nierenbecken aus dem Schwarzwald, das meine Mutter an die Bedürftigen vermietete. Die freundliche Frau reichte Jasmin daraufhin das Sahnesteif und zwinkerte ihr zu. Schlampen lieben Sahnesteif, das wusste die freundliche Frau.

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Lass uns nicht reden …

Diese Frau verstand sich nicht auf das Reden. Darauf hatte sie sich nie verstanden. Mit 13 musste sie ihrem Vater das erste Mal einen blasen — da kam es nicht auf’s Reden an. Vier lange, weitere Jahre kam es nicht auf’s Reden an. Ihr Vater starb, weil er betrunken einen Baum mit einer Motorsäge fällen wollte. Sie sagte nichts dazu.

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Wir vom Oberdorf …

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Mein Vater hatte sich ein Haus gebaut. Er hatte uns ein Haus gebaut. Meiner Schwester und mir – das betonte er immer. Als es endlich stand, wohnten natürlich erstmal alle drin, das heißt, er residierte, wir wohnten.

Wir wussten damals nichts vom Mythos Eigenheim. Und auch nichts von seinen Begleiterscheinungen, den Magengeschwüren, schlaflosen Nächten und witzelnden Freunden, die meinen Vater mitleidig und vielleicht auch ein wenig neidisch anlächelten, wenn er leicht angetrunken in der Küche vom Hausbau erzählte. Weiterlesen

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Nix falsch …

Ich war kein musikalisches Kind. Und bis zur Pubertät war mir Musik auch völlig egal. Obwohl ich ganze vier Jahre eine klassische Ausbildung an der Gitarre genoss.

Mein Gitarrenlehrer war ein spanischstämmiger Araber, der immer nach Zwiebeln roch. Meine harmonischen Bemühungen nahm er mit Gleichmut auf und dann und wann bekam ich auch ein Lob. „Nix falsch“, sagte er. Ich war froh, hatte ich doch wieder nicht geübt.

Den Gitarrenunterricht absolvierte ich zusammen mit einer Schulfreundin. Ich war nicht in sie verliebt. Und doch hatten wir mehr als einmal versucht, zu knutschen. Aber wir passten einfach nicht zusammen. Allein, es vertrieb uns die Wartezeit auf unsere Gitarrenstunden, die immer auf den späten Nachmittag fielen.

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Das große Zittern

Das große Zittern hatte gerade begonnen, da fand Frau Sens ihren Mann auf dem Dachboden. Seit Jahren hatte sie ihn schon vermisst, doch der Schmerz war mit der Zeit langsam einem dumpfen und erträglichen Drücken gewichen. Manchmal wusste sie schon nicht einmal mehr, dass es einen Herrn Sens überhaupt gegeben hatte. Auch deshalb ging sie einfach an ihm vorbei und holte beherzt die wächserne Truhe mit den Befindlichkeitsbriefen aus ihrer Jugend hervor, die sie sodann fein und brav nach Farben sortierte. Und immer dann, wenn ihr Mann ein Geräusch machte, zählte sie langsam bis drei. Kurz versuchte sie zu glauben, das Geräusch eben hätte wirklich ihr Mann gemacht. Aber weil dieser Gedanke ausnehmend blöde war und dumm zugleich, vergaß sie Herrn Sens dann wieder.

Leider wurde es bald recht kalt auf dem Boden. Aber zurück ins Wohnzimmer mochte sie nicht – da wartete ihre zweite Tochter. Die war auch schon seit vielen Jahren nicht mehr da.

Frau Sens fühlte sich langsam sehr, sehr müde. Und allein.

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Manchmal reicht’s. Genug aber ist es nie.

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Manchmal reicht’s dir dann doch. Zum Beispiel, wenn die verrückte alte Frau, die dich eben noch beim Einsteigen in die U-Bahn angeschrien hat, sich drin neben dich stellt, zu grunzen anfängt und du dann zusehen musst, wie sich eine Lache um ihre Füße bildet. Neben dir schreit ein kleiner Türke „Scheiße, Alte verpiss disch“. Und du grinst ein wenig, weil sie das doch eben getan hat. Aber leid tut sie dir. Und nerven tut sie dich. Und ein wenig passt du auch auf, dass du nicht in ihrer Pisse stehst.

Dein Neurologe hat dir heute erzählt, was bei dir nicht stimmt. Und das ist so ziemlich alles. Aber schlimm ist es auch nicht, weil du bist ja in bester Gesellschaft. Der hatte das. Und der. Und dem ging es Zeit seines Lebens nicht gut und schauen Sie, was der geschafft hat. Und du nickst und bedankst dich. Und du freust dich, dass du jetzt erstmal ein Medikament weglassen darfst. Das, welches dich immer so bräsig machte. Den Kopf so langsam. Du erinnerst dich, wie oft sie trotzdem zu dir sagten, dir kommt man ja nicht nach, du bist immer schon weiter. Dabei warst du eigentlich immer nur schon am Ende.

Die verrückte Alte steigt aus und du atmest auf und ein. Und dann fährst du weiter und der kleine Türke hat einen noch kleineren Bruder, dem er voll eine über die Rübe zieht. Warum weißt du nicht. Und eigentlich ist dir das auch egal.

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