Sie kann noch bleiben

Der Mann meiner Mutter ist heute gestorben. Er war blind. Und er war schon lange krank. Psychisch und körperlich. Uns hatte keine Freundschaft verbunden. Aber Hass auch nicht. Wir hatten unseren Frieden geschlossen. Ich hatte ihm vergeben, dass er — vermeintlicherweise — meiner Mutter Jahr um Jahr zur Hölle gemacht hat. Und er mir hoffentlich, dass ich immer so ein arroganter Klugscheisser war, wenn wir uns trafen. Noch drei Wochen vor seinem Tod habe ich für ihn seine Wohnung gesaugt. Meine Mutter hatte gerade ihre Herz-OP hinter sich und war auf Reha am Starnberger See. Kein Zuckerschlecken. Und jetzt. Jetzt steht der dicke, blinde, tote Mann da und sagt „Erster“ zu meiner Mutter. Und er sagt es leise. Und sanft. Und er flüstert mir zu, „Sie kann noch bleiben. Pass schön auf.“ Ich habe Angst.

Share
Weiterlesen

Woher wir kommen, bleibt in uns drin

Augsburg_thumb

 

Wir lebten nicht in bester Wohnlage. Um ehrlich zu sein, war es noch nicht mal eine Wohngegend. Wir wohnten im Nordosten der Stadt, in einem Industrieviertel, das noch vor Jahren die Stadtgrenze markierte. Osram stellte hier Glühbirnen und Leuchtstoffröhren her, der christliche Weltbildverlag residierte in schlammgrauen Betonblöcken, billiges Bauland und ein Förderung der Stadt hatten nach und nach viele kleinere mittelständische Betriebe angelockt. Wir wohnten schon immer hier. Mein Vater wohnte schon immer hier. Inzwischen war seine neunköpfige Großfamilie, bis auf meine Oma in einem Teil des Hauses und uns im anderen, ausgezogen. Im Erdgeschoss befand sich das Büro der Firma meines Vaters, darüber wohnten wir.

Viele meiner Freunde lebten nur in Mietwohnungen, wir besaßen ein ganzes Haus – aber das zählte nicht. Wichtig war, wo das Haus stand. Unseres stand offensichtlich an der falschen Stelle. Nach 18 Uhr war unsere Straße wie ausgestorben, nur fünf Häuser weiter im Club ‚La vie‘ brach dagegen Geschäftigkeit aus. Es war ein Kommen und Gehen, dauernd fuhren Kleinwagen vor, nicht wenige gehörten Osram oder Weltbild-Mitarbeitern. Später erfuhr ich, dass das Management lieber einen Spaziergang auf sich nahm, als mit dem Firmen-Benz gesehen zu werden. Was sich in diesem Haus abspielte war mir lange nicht klar. Und selbst, als ich später die theoretischen Hintergründe kannte, verstand ich nicht, warum diese netten Frauen – die eigentlich meiner Mutter sehr ähnelten – so viel Besuch bekamen.

Ab sechs Uhr früh war Lärm mein Begleiter. Das Wummern der Maschinen der Gardinenfabrik nebenan, das Zischen des Sandstrahlers aus den Werkstätten der Lackiererei auf der anderen Seite wurden zum weißen Rauschen meiner Kindheit. Auf dem Weg zur Schule ging ich immer durch eine Siedlung aus den Fünfziger Jahren. Kleine Häuser, mit den immer gleichen Dachschrägen, den immer gleichen Gärten und Klingelschildern aus Gusseisen. Viele Vertriebene hatten hier ihre neue Heimat gefunden, wir Kinder machten uns einen Spaß daraus, die Namen mit den vielen Ws und Cs und Zs laut und falsch zu lesen. Natürlich gab es den griesgrämigen alten Mann, der uns hinterher rannte, wenn wir unsere Schulbrote in seinen Postkasten rammten. Und natürlich gab es die schönen Mädchen mit den langen schwarzen Haaren, die nicht mit uns spielen durften. Sie mussten noch die Hausarbeit erledigen.

Share
Weiterlesen

Das wirkt. Wie immer.

Kinder_featured

Wenn dich deine Kinder fragen, was sein wird, wenn du mal nicht mehr bist. Und du herumdruckst und davon sprichst, in wie ferner Zukunft das erst sein wird, das ist ja schon nicht mehr wahr. Da habt ihr selbst Kinder, die euch diese Frage stellen werden und auch ihr werdet noch Jahrzehnte vor euch haben. Und dann fällt dir ein, dass du noch vor wenigen Wochen (bevor die Medikamente wirkten, bitte lass sie weiter wirken) mit dem Gedanken ganz akademisch spieltest, was wäre, wenn du nicht mehr wärst. Dann wirkt deine Stimme plötzlich so belegt. Du räusperst dich und dein Dreijähriger bringt dir eine Flasche Mineralwasser. Und dann lachst du so in die Flasche, dass du dich und deine Jungs vollsaust. Und du hörst aus der Küche die warnende Frage deiner Frau, ihr macht da doch keinen Unsinn, nicht ihr drei, ihr alle. Dann wirst du leicht hysterisch, das fällt aber nicht auf, weil Kinder offensichtlich dauernd in einem mehr oder weniger expansiven Zustand der Hysterie leben. Am Ende bist du vom Sofa gefallen. Auf eins deiner Kinder, das dann weint. Was dir bleibt ist zu trösten. Und das wirkt. Wie immer. Wie immer. Wie immer.

Share
Weiterlesen

Mädchen. Wichtig.

Mädchen. Wichtig. Als Spielpartner und schon früh als Versprechen einer ganz besonderen Art von Ablenkung. Der allgegenwärtige Sex der späteren Jahrzehnte zeigte mir sein Gesicht das erste mal in der linkischen Gestalt meiner Nachbarin Andrea. Lange teilten wir allein kindliche Interessen. Bis zu jenen heißen Sommernächten. Unsere Eltern hatten uns gestattet, gemeinsam in unserem Garten zu zelten. In diesen Nächten zogen wir uns vollständig aus und untersuchten uns gegenseitig. Ich steckte die Nase zwischen ihre Beine. Es roch nach Urin. Und ich war erregt. Mit sieben Jahren hatte ich einen Ständer, der nach Andreas Aussage leider nach gar nichts roch. Nicht einmal nach Pisse. Unser Umgang miteinander änderte sich ansonsten nicht. Wir spielten auch danach wie immer miteinander und machten weiter nicht viel Aufhebens um unser Tun. Welches wir öfter wiederholten. Allein Küssen mochte ich Andrea nicht. Küssen mochte ich andere Mädchen. Ältere Mädchen, die auf dem Schulhof in der anderen Ecke standen und in der Klasse ihre Poesiealben herumreichten. Ich hab‘ mich hinten angewurzelt, dass niemand aus dem Album purzelt.

Meine erste echte Freundin hieß Sandra. In der vierten Klasse verließen wir immer kurz nacheinander den Sportunterricht, um aufs Klo zu gehen. Ich stehe in der verlassenen Umkleidekabine zwischen leeren Turnbeuteln und stinkenden Kinderschuhen. Ich warte auf Sandra. Die muss doch gleich kommen. Wir hatten es vorhin so in einer Ecke der Turnhalle besprochen. Um von unserer Beziehung abzulenken, hatte ich kurz vorher noch mit einem Medizinball auf sie geworfen, aber absichtlich verfehlt. Endlich kommt sie um die Ecke. Wir stehen neben den verschlossenen Spinden, die – solange ich in der Schule war – auch nie geöffnet wurden. Ich wusste nicht, wofür sie da waren und ob sie noch etwas beherbergten. Sandra ist einen halben Kopf größer als ich. Sie legt die Arme um meine Taille, das mag ich nicht. Ich hebe ihre Arme hoch, sie soll mich auf den Schultern umarmen. Meinen Kopf zu sich heranziehen. Wir knutschen. Es macht Spaß. Zwei Tage später trennen wir uns. Es spielte keine Rolle. Drei Tage später sollte ich meine erstes Fußballspiel live in München erleben.

Share
Weiterlesen

Die bittere Lippe muss man schlucken

Margarethe war lustig anzusehen. Das lag nicht zuletzt an der eigentümlichen Frischkäsezubereitung, die sie stets am Kragen trug. Viele vermuteten gar eine politische Absicht dahinter. Doch dahinter, das wusste Margarethe schon lange, war selten eine Absicht. Und Vermutungen, pflegte sie zu sagen, hatten wenig mit Mut zu tun. Denn Mut ist eine Ziegenblase gefüllt mit Schnaps auf dem Weg nach Holland – wenigstens das hatte ihr das Leben beigebracht.
Zeitungen las sie seit Jahren nicht mehr. Weniger aus Desinteresse denn aus wilder und herzhafter Abneigung gegen Graupapier. Es mochte vielleicht sein, dass sie dabei den ein oder anderen globalen Konflikt verpasste oder erst durch Obdachlose auf übel beleumdeten U-Bahn-Stationen darauf hingewiesen werden musste. Das änderte aber wenig daran, dass sie eine begnadete Poker-Spielerin war. Was ihr wiederum  schon so manche Feindschaft beschert hatte. Doch selbst Blumentöpfe haben stets Erde zwischen sich und ihrer Pflanze. Das wollte sie sich merken.

Das große Zittern hatte gerade begonnen, da fand Frau Sens ihren Mann auf dem Dachboden. Seit Jahren hatte sie ihn schon vermisst, doch der Schmerz war mit der Zeit einem dumpfen Drücken gewichen. Manchmal wusste sie schon nicht einmal mehr, dass es einen Herrn Sens überhaupt gegeben hatte. Auch deshalb ging sie einfach an ihm vorbei und holte beherzt die wächserne Truhe mit den Befindlichkeitsbriefen aus ihrer Jugend hervor, die sie fein und brav nach Farben sortierte. Und immer dann, wenn ihr Mann ein Geräusch machte, zählte sie langsam bis drei. Kurz versuchte sie zu glauben, das Geräusch eben hätte wirklich ihr Mann gemacht. Aber weil dieser Gedanke ausnehmend blöde war und dumm zugleich, vergaß sie Herrn Sens wieder.
Leider wurde es bald recht kalt auf dem Boden. Aber zurück ins Wohnzimmer mochte sie  nicht – da wartete ihre zweite Tochter. Die war auch schon seit vielen Jahren nicht mehr da. Frau Sens fühlte sich langsam sehr, sehr müde.

Share
Weiterlesen

Die Schubladen meines Vaters

Meinen ersten Playboy fand ich im Büro meines Vaters. Ich sage fand, weil ich wirklich suchte. Etwas, einfach irgend etwas. Das Büro war zweckmäßig und schlicht eingerichtet. Elektronische Geräte waren damals fast noch vollständig abwesend. Einzig ein Tonbandgerät, an das ich „sonst gibt’s so richtig den Arsch voll“ nicht durfte. Und eine elektrische Schreibmaschine, an die ich mich trotz Verbots setzte.

Die Regale waren voll mit LEITZ-Ordnern, in der Ecke stand ein wuchtiger Tresor, den größten Teil des Zimmers nahm der Schreibtisch ein. Und dessen Schubladen waren abgesperrt. Meist. Wie ein juveniler Kleinkrimineller an geparkten Autos versuchte ich jedes Mal sie dennoch zu öffnen. Und manchmal hatte ich Glück.

In den Schubladen waren die spannenden Dinge: ein Cuttermesser, ein Briefbeschwerer mit Hirschgeweih, ein elektronischer Taschenrechner, dessen kleine Röhren leuchtend rot die Zukunft heraufbeschwörten – eine Zukunft, die ich bisher nur aus Raumschiff Enterprise kannte. Ich fand Quittungsblöcke, die ich stahl, ein Maßband aus Metall, das sich auf Knopfdruck einrollte und mir fast jedes Mal dabei in den Finger schnitt. Ich fand ein Bündel Briefe und ließ es liegen, später erfuhr ich, dass es wohl Liebesbriefe seiner vielen Affären waren.

Aber das größte Geschenk an einen knapp zehnjährigen waren aber die Playboy und Penthouse-Hefte. Sie waren wirklich gut versteckt. Sie lagen in dem Zwischenraum von unterster Schublade und Boden. Säuberlich geordnet. Was mir nicht klar war. Aber ich kurze Zeit später schmerzlich erfahren musste. Denn da bekam ich auf den Arsch. So richtig.

Share
Weiterlesen

Ein Sommer ohne Liebe

Es kam die Zeit, zu der uns langweilig wurde. Wir schienen von der endlosen und drückenden Hitze fast ebenso gelähmt wie die Erwachsenen, die uns nur noch mit mattem Winken wegscheuchten und meinten, wir sollten erst wiederkommen, wenn abends der Grill heiß sei.

Aber was tun? Die Baggerseen und Freibäder waren inzwischen abgegrast, alle Mädchen hatten wir schon getaucht. Das Zehn-Pfennig-Eis hing uns zum Halse raus und mit unseren Fanta-JoJos wollten wir nicht mehr üben – Weltmeister würden wir so oder so nicht mehr werden. Wichtig war nur, ob man ein blaues oder oranges JoJo hatte. Denn das blaue, teurere adelte einen, das orange war für die Jungs aus den armen Stadtteilen. Ich hatte erst ein oranges, später klaute ich mir einfach ein blaues.

Ich war schwer verliebt in diesem Sommer. Wir alle waren damals immerzu verliebt, aber ich besonders. Ihr Name war Sabine Eisenhart. Mein Therapeut, von dem ich zu dieser Zeit natürlich noch nichts wusste, würde mich ungefähr 30 Jahre später auf den Freudschen Namenswitz aufmerksam machen. Ich musste nicht lachen.

Ich war verliebt, zugegebenermaßen unglücklich, aber wir waren damals immerzu unglücklich verliebt. Wir erlitten dabei so viel Schmerz, wie pubertären zwölf- bis vierzehnjährigen nur zuzumuten war. Sex? Ja, Sex war kein Geheimnis mehr. Wir tauschten untereinander die Pornohefte unserer Väter – über Playboy und Penthouse konnten wir nur noch milde lächeln. Am heftigsten fanden wir das eine Exemplar „Happy Weekend“, das wir einem Fernfahrer auf der Freibadtoilette gemopst hatten. Es macht so lang die Runde, bis es fast völlig zerfleddert auseinanderfiel.

Aber natürlich hatte noch keiner von uns wirklich Sex gehabt. Tägliches, mehrmaliges wichsen am Tag ja. Damit ließ sich auf die ein oder andere Art auch angeben. Aber Sex, mit einem echten Mädchen? Nein. Immerhin hatten wir keine Scheu, uns unsere Angst vor dem ersten Mal zu gestehen. Wir fühlten uns dadurch verbunden. Bis auf Markus, genannt Max. Er schwor Stein und Bein, es schon gemacht zu haben. Im Zeltlager, mit einer sechzehnjährigen. Einer richtigen Frau also. Sie hätte ihn ganz schön rangenommen. Aber dann hätte auch er es ihr richtig besorgt.

Wir alle glaubten ihm eigentlich kein Wort, aber genossen dennoch jeden weiteren Höhepunkt seiner Erzählung. Seine Story wurde jedes Mal besser und geschliffener. Max lernte, dass es auf die kleinen Details ankam: wie sich die Schlafsäcke verhakten, ihr Mund beim Küssen erst nach Leberwurstbrot schmeckte, das sie vorher miteinander geteilt hatten, sie am Morgen darauf ihr Höschen nicht mehr finden konnte und er es erst Zuhause in seinem Schlafsack wiederfand. Er würde sie heute noch an dem Höschen riechen können, uns würde er es aber nicht zeigen. Das verbot der Anstand. Aber uns war das egal. Wir wussten, dass er log. Und wir wollten belogen werden.

Was also Sex betraf, war Max eine Institution – wenigstens diesen einen Sommer lang. Aber von Liebe, wahrer Liebe verstand er nichts. Das wusste ich. An Sex mit Sabine Eisenhart war gar nicht zu denken. Nein, sie schien einfach unberührbar, der Liebe vielleicht gar nicht fähig. Sie nahm mich nicht zur Kenntnis. In der Schule nicht, ich saß drei Reihen hinter ihr, eine in Physik. Und am Baggersee auch nicht, wir alle lagen hinter ihrer Mädchenclique und röhrten wie junge, brünftige Hirsche. Sabine Eisenhart schien allgemein ein Sonderfall zu sein, meine Freunde nannten sie frigide. Keiner wusste, was das genau heißen sollte, aber es erklärte wohl ihre eiserne Disziplin und Zurückhaltung.

Ich hatte in diesem Sommer keinen Sex mehr. Nicht mit Sabine Eisenhart oder einem anderen Mädchen. Als ich im Jahr darauf zum Zuge kam, wünschte ich mir aber, sie wäre es gewesen. Und nicht das Mädchen mit dem eigentümlichen Körpergeruch.

Share
Weiterlesen

Fremd im eigenen Hemd

Es gab seinerzeit eine neue Abmachung: Nämlich so lange einen Fremden bei sich zu beheimaten, bis dieser Onkel Johannes wie aus dem Gesicht geschnitten sei. Dafür war viel Stühlerücken nötig gewesen und der Gewinner, Herr Gaske, mochte nach seinem stillen Triumph der netten Lisette vom Ende des Gangs nicht mehr die Hände schütteln.

Gerüchte machten anschließend die Runde, versammelten sich an Ecken und hängten sich Schilder mit dem Titel „Wahrheit“ um. Ein Glück, dass Dr. Friedrich – der Hauptmann der Gesangspolizei – am Vortag aus dem Urlaub zurückgekehrt war. Er war bekannt dafür, tüchtig durchzugreifen und hatte sich mit der Finanzierung des Wehklagens der hiesigen Leuchtturmwärter über die Grenzen der Schachbrettwiese hinaus einen schon lange vergessenen Namen gemacht.

Onkel Johannes saß mit dem Fremden jetzt immer öfter vor dem Raclette-Ofen und wies, wenn nötig, auf sein Muttermal hin, das in seinen Umrissen genau den Osterinseln entsprach – nur ein wenig bewaldeter schien. Der Fremde mochte dann nicht  weiter den trotzigen Kindskopf spielen und gab seinerseits eine Anekdote zum Besten: So sei er damals, weit vor seiner eigenen Zeit, in seiner Funktion als Versammlungsfreiheit viel zu oft eingeschränkt worden. Als er dann – wohlgemerkt beim Ortsvorsteher regelgerecht und in dreifacher Ausführung angemeldet – seine Sammlung berüchtigter Beutelschneider im Kirchamt ausstellen wollte, kam niemand. Selbst der Pfarrer, meinte der Fremde, verhielt sich  zusehends abweisender.

Einmütiges Kopfnicken begleitete diese wahrhaft rührende Geschichte und das Abendrot sehnte sich nach den Zeiten des Orange. Das Brot war kross, die Kinder stellten sich der Größe nach an einer Wand auf und Frau Semmeling ordnete ihre Schmetterlinge nach Aktiennamen. Am nächsten Tag stand im Generalanzeiger, dass niemand unter dem Kunstdruck zusammengebrochen war. Das stärkte ganz allgemein das Gefühl des Zusammenhalts. Damit war dann letztendlich auch die Geschichte mit den gefälschten Todesanzeigen vom Tisch.

Share
Weiterlesen

Maria — aber eine andere

Der alten Frau Simon ist der Sittich weg geflogen. Kann gut sein, dass die alte Dame das nicht überlebt. In den Dörfern und Städten Bayerns ist der Karfreitag eine stinkende Melange aus Glockenläuten und Sandalenfilmen. Die Menschen essen gut und viel. Meist bei der Familie. Wenn die tot ist, auch allein.

Ich wollte das nie. Ich wollte stattdessen das Nachbarsmädchen namens Maria küssen. Maria war hübsch und hatte früher Brüste als die anderen Mädchen. Es schien, als ob sie darunter litt. Ich nicht.

Am Karfreitag begegnen einem in Bayern die Toten. Auf der Straße und überall. Unser Pfarrer predigte schlecht, aber mit Eifer. Speichelfäden verklebten seine Mundwinkel, seine Finger waren gelb von Nikotin. Wenn er mir die Hostie in den Mund legte, konnte ich seine Finger riechen. Die gleichen Finger, mit denen er über die Köpfe der Ministrantenjungen strich, um sie zu begrüßen. Er strich oft und gerne über die Köpfe seiner Ministrantenjungen.

Share
Weiterlesen

Tod und Ficken

Man muss ja nicht gleich handgreiflich werden, denkt Zoellner, kurz bevor er stürzt. Und, ich glaube nicht an Gewalt, als er die Treppe hinab fällt. Ich fühl mich schlecht, ich muss scheißen, flüstert Zoellner der jungen Frau zu, die ihr freiwilliges soziales Jahr in dem Hospiz ableistet. Ich vermute, dass das Sterben erst mit dem Tod endet, sagt Zoellner, aber eigentlich geht’s nur ums Ficken. Immer und dauernd, mir wird übel davon, speiübel. Dann möchte ich kotzen, aber ich kann nicht, weil ich scheißen muss.

Für die junge Frau ist Zoellner nur Patient. Und übers Sterben und den Tod muss er ihr nichts erzählen – sie war zwei Monate in Indien. Sie war mit Pavel dort. Pavel, der kleine Pavel, mit den dunklen Augen und dem schlichten Gemüt. Da ging’s ums Ficken, ja, da schon. Aber nicht bei Zoellner. Bei Zoellner geht’s noch nicht mal wirklich ums Sterben. Zoellner ist nur im Hospiz, weil auf der Orthopädischen kein Platz mehr frei ist.

Share
Weiterlesen