Milchmond

MilchmondHerr Wegener besaß ein Sofa mit floralem Muster. Viele rüde Späße hatte er deswegen schon erdulden müssen. Eigentlich von fast jedem, den er in seine Wohnung eingeladen hatte. Etwa, um ihm Tee zu servieren und/oder Spritzgebäck zu anzubieten.

Das Fräulein Sommer einen Stock tiefer nannte ihn scherzhaft manchmal kauzig. Trank aber trotzdem seinen Tee und fasste beim Spritzgebäck gerne nach. Ach, das Fräulein Sommer — nennen Sie mich doch Martina — war sein wahrer Sonnenschein.

Bisher hatte er es leider immer versäumt, eine Platte aufzulegen, wenn ihn das Fräulein Sommer besuchte. Womöglich würde das Fräulein Sommer dann tanzen wollen. Darauf musste er vorbereitet sein.

Manchmal, nächtens, wachte Herr Wegener auf. Dann setzte er sich auf sein Sofa mit dem floralen Muster. Und wenn Herr Wegener Glück hatte, dann schien der Mond direkt ins Zimmer. Und Herr Wegener wusste, der Mond — der gleiche, der selbe, der einzige — schien just in diesem Moment auch in Fräulein Sommers Zimmer. Der milchige Mond beschien Fräulein Sommers Gesicht, das liebliche, das zarte.

Herr Wegener holte dann meist seine klasse Däumlinge aus der rechten Schublade des Sekretärs und schlüpfte in sie rein, ganz tief, bis zum Anschlag. Später dann, wenn er nur noch schwer atmete, legte er sich eine Platte auf.

Seine Däumlinge lagen zum Trocknen wie tote Vögel über dem Heizkörper und verströmten einen eigentümlichen Geruch. Den Geruch des milchigen Mondes. Und tief, ganz tief aus seinem Innern entrang sich Herrn Wegener ein Seufzer.

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Nachrichten von gestern. Und Pornos.

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Mein Vater hatte zwei Firmen. Die Altpapier Erfassungs GmbH — im Akronymwahn der damaligen Zeit unter A.P.E. im Telefonbuch zu finden — und eine Spedition, die das Altpapier zur Papierfabrik Haindl brachte. Ich wuchs also zwischen Altpapierbergen auf. Und so war meine Wahrnehmung der Welt schon in frühester Kindheit geprägt durch Liegengelassenes, Weggeworfenes und den Nachrichten von gestern. Zeitschriften und Zeitungen türmten sich meterhoch auf und warteten darauf, wieder zu Zeitungen und Zeitschriften zu werden. Und dies zu einer Zeit im Westen, als Altpapier noch etwas wert war.

Täglich kamen Menschen und brachten ihre Papierbündel zum Wiegen. Ich weiß nicht mehr, wie viel es dafür gab, aber sicher genug, um mit Altpapierbündeln eine Autofahrt ins Industrieviertel der Stadt auf sich zu nehmen. Und so wechselten sich an der Papierwaage geschäftstüchtige Jugendliche mit ihren Bonanzarädern mit professionellen Papiersammlern ab, die mit Kleinbussen vollgestopft bis oben hin anfuhren. Dazwischen kamen alte Frauen mit einer Tasche auf Rädern, die mein Vater „Hackenporsche“ nannte. Ihnen war die Qual des Weges anzusehen und auch die Freude, wenn sie ihre paar Pfennige ausgehändigt bekamen. Ich hatte mehrmals versucht, meinen Vater davon zu überzeugen, dass ich die Mengen Papier, die ich am Abend vorher in einer Ecke geschichtet hatte, unter körperlicher Anstrengung selbst gesammelt hätte. Mein Lohn blieb mir versagt. Ohne die Papierbündel überhaupt zu wiegen, kamen sie wieder auf die Haufen.

Doch wo es kein Geld gab, gab es andere Dinge, die genauso wertvoll für mich waren. Mit Freunden waren wir stundenlang auf der Suche nach den verborgenen Schätzen in der Flut von Druckmitteln. Comics waren für uns Kinder am wertvollsten. Donald Duck Hefte waren gern gesehen, doch noch lieber waren uns Superhelden. Spiderman lag bei mir schon damals ganz weit vorne, gefolgt vom Hulk. Mit Superman und noch schlimmer, seinem Streberbruder Batman hingegen konnte ich wenig anfangen — früh war mir klar, dass absolute Unbesiegbarkeit und Cleverness immer einen faden Beigeschmack hatte.

Tagsüber hatten wir Kinder auf dem Gelände eigentlich nichts zu suchen. Große Schaufelbagger wälzten das Recyclingmaterial um und schafften es auf ein Fließband zur Sortierung. Und genau an der Abrisskante der Baggerschaufeln fanden wir Kinder natürlich die größten Schätze. In Hassliebe verbunden waren wir den Angestellten meines Vaters, dunklen Männer aus dem Süden – Spanier, Griechen und Italiener suchten ebenso die Papierberge ab wie wir. Lange war es uns ein Rätsel, was sie wohl mit Comics wollten, bis wir eines Tages mit offenen Mündern die Tasche eines immer schwitzenden und leicht säuerlich riechenden Arbeiters durchsuchten, als der auf dem Klo war. Was wir dort zu Gesicht bekamen, waren mitnichten Superhelden oder Enten, die reden konnten. Nackte Frauen blitzten uns entgegen. In der soften Variante in Form von Zeitschriften, die Schlüsseloch und Praline hießen. In der harten Variante in Form von Pornos — sie waren also der heilige Gral der Altpapierverwertung. Das beste daran war, dass die Arbeiter meines Vaters bereit waren, für diese Heftchen zu zahlen. In harter Münze und für uns Kinder in immenser Höhe. Einen ganzen Sommer lang waren wir auf der Jagd nach diesen Heften und füllten unsere „Schweinekasse“ damit auf. Zu dieser Zeit konnten wir im Freibad mit den verwöhnten Jungs aus den reichen Stadtteilen gut mithalten. Unsere Panini Fußballbildersammlung war dicker als die der anderen. Und für eine Cola mit Pommes für die Mädchen — die wir noch wenige Minuten vorher unter Wasser getaucht hatten — war auch noch Geld da. Zum Abendessen war ich immer satt. Ich schmierte mir pro forma ein Leberwurstbrot, belegte es mit Gurkenscheiben und ließ die Hälfte stehen.

Es war die schönste Zeit meiner Kindheit. Bis die Großen kamen.

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Vom Lesen

Reclam

Mein Vater hat nie viel gelesen. Im Regal standen Bücher aus seinem Studium der Volkswirtschaftslehre. Und selbst diese waren in den Siebzigern schon veraltet. Links unten in der Ecke fand man eine Batterie Reclam-Heftchen. Egmont, Der zerbrochene Krug, Faust, Der grüne Heinrich. Ich mochte das Format. Klein und handlich und noch nicht in dem heutigen Marken-Gelb.

Meine Mutter hingegen las immer. Alles, was ihr in die Hände kam. Zweimal die Woche gingen wir in die Leihbücherei. Ich liebte den Geruch der Bücher — manchmal schon leicht muffig und nach Keller. Nur pro forma drückte ich mich die ersten zehn Minuten in der Kinderbuchabteilung herum, um dann ganz schnell in die Science-Fiction und Horror-Abteilung zu wechseln. Edgar Allen Poe, Isaac Asimov, Stanislaw Lem, Stephen King. Ich durfte die wenigsten dieser Bücher ausleihen, meist nur, wenn meine Mutter einen guten Tag hatte, oder schon zu besoffen war, um einen Überblick über ihre eigene Auswahl zu haben. In der Leibücherei verbrachten meine Mutter und ich viele Stunden. Meine Mutter und ich lasen immer schon am Regal. Sie hatte eine Thermoskanne voll Tee mit klarem Schnaps dabei, ich trank aus der Sunkist-Pyramide. Am liebsten Kirsch. Ein echtes Problem war, dass ich immer schon scheißen musste, wenn wir in die Bibliothek kamen. Eine Mischung aus Vorfreude und Gier setzte meine Verdauung in Bewegung. Ich griff mir dann immer das erstbeste Buch und schlich mich am Tresen der Büchereiangestellten vorbei und nahm es mit aufs Klo.

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Woher wir kommen, bleibt in uns drin

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Wir lebten nicht in bester Wohnlage. Um ehrlich zu sein, war es noch nicht mal eine Wohngegend. Wir wohnten im Nordosten der Stadt, in einem Industrieviertel, das noch vor Jahren die Stadtgrenze markierte. Osram stellte hier Glühbirnen und Leuchtstoffröhren her, der christliche Weltbildverlag residierte in schlammgrauen Betonblöcken, billiges Bauland und ein Förderung der Stadt hatten nach und nach viele kleinere mittelständische Betriebe angelockt. Wir wohnten schon immer hier. Mein Vater wohnte schon immer hier. Inzwischen war seine neunköpfige Großfamilie, bis auf meine Oma in einem Teil des Hauses und uns im anderen, ausgezogen. Im Erdgeschoss befand sich das Büro der Firma meines Vaters, darüber wohnten wir.

Viele meiner Freunde lebten nur in Mietwohnungen, wir besaßen ein ganzes Haus – aber das zählte nicht. Wichtig war, wo das Haus stand. Unseres stand offensichtlich an der falschen Stelle. Nach 18 Uhr war unsere Straße wie ausgestorben, nur fünf Häuser weiter im Club ‘La vie’ brach dagegen Geschäftigkeit aus. Es war ein Kommen und Gehen, dauernd fuhren Kleinwagen vor, nicht wenige gehörten Osram oder Weltbild-Mitarbeitern. Später erfuhr ich, dass das Management lieber einen Spaziergang auf sich nahm, als mit dem Firmen-Benz gesehen zu werden. Was sich in diesem Haus abspielte war mir lange nicht klar. Und selbst, als ich später die theoretischen Hintergründe kannte, verstand ich nicht, warum diese netten Frauen – die eigentlich meiner Mutter sehr ähnelten – so viel Besuch bekamen.

Ab sechs Uhr früh war Lärm mein Begleiter. Das Wummern der Maschinen der Gardinenfabrik nebenan, das Zischen des Sandstrahlers aus den Werkstätten der Lackiererei auf der anderen Seite wurden zum weißen Rauschen meiner Kindheit. Auf dem Weg zur Schule ging ich immer durch eine Siedlung aus den Fünfziger Jahren. Kleine Häuser, mit den immer gleichen Dachschrägen, den immer gleichen Gärten und Klingelschildern aus Gusseisen. Viele Vertriebene hatten hier ihre neue Heimat gefunden, wir Kinder machten uns einen Spaß daraus, die Namen mit den vielen Ws und Cs und Zs laut und falsch zu lesen. Natürlich gab es den griesgrämigen alten Mann, der uns hinterher rannte, wenn wir unsere Schulbrote in seinen Postkasten rammten. Und natürlich gab es die schönen Mädchen mit den langen schwarzen Haaren, die nicht mit uns spielen durften. Sie mussten noch die Hausarbeit erledigen.

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Mädchen. Wichtig.

Mädchen. Wichtig. Als Spielpartner und schon früh als Versprechen einer ganz besonderen Art von Ablenkung. Der allgegenwärtige Sex der späteren Jahrzehnte zeigte mir sein Gesicht das erste mal in der linkischen Gestalt meiner Nachbarin Andrea. Lange teilten wir allein kindliche Interessen. Bis zu jenen heißen Sommernächten. Unsere Eltern hatten uns gestattet, gemeinsam in unserem Garten zu zelten. In diesen Nächten zogen wir uns vollständig aus und untersuchten uns gegenseitig. Ich steckte die Nase zwischen ihre Beine. Es roch nach Urin. Und ich war erregt. Mit sieben Jahren hatte ich einen Ständer, der nach Andreas Aussage leider nach gar nichts roch. Nicht einmal nach Pisse. Unser Umgang miteinander änderte sich ansonsten nicht. Wir spielten auch danach wie immer miteinander und machten weiter nicht viel Aufhebens um unser Tun. Welches wir öfter wiederholten. Allein Küssen mochte ich Andrea nicht. Küssen mochte ich andere Mädchen. Ältere Mädchen, die auf dem Schulhof in der anderen Ecke standen und in der Klasse ihre Poesiealben herumreichten. Ich hab’ mich hinten angewurzelt, dass niemand aus dem Album purzelt.

Meine erste echte Freundin hieß Sandra. In der vierten Klasse verließen wir immer kurz nacheinander den Sportunterricht, um aufs Klo zu gehen. Ich stehe in der verlassenen Umkleidekabine zwischen leeren Turnbeuteln und stinkenden Kinderschuhen. Ich warte auf Sandra. Die muss doch gleich kommen. Wir hatten es vorhin so in einer Ecke der Turnhalle besprochen. Um von unserer Beziehung abzulenken, hatte ich kurz vorher noch mit einem Medizinball auf sie geworfen, aber absichtlich verfehlt. Endlich kommt sie um die Ecke. Wir stehen neben den verschlossenen Spinden, die – solange ich in der Schule war – auch nie geöffnet wurden. Ich wusste nicht, wofür sie da waren und ob sie noch etwas beherbergten. Sandra ist einen halben Kopf größer als ich. Sie legt die Arme um meine Taille, das mag ich nicht. Ich hebe ihre Arme hoch, sie soll mich auf den Schultern umarmen. Meinen Kopf zu sich heranziehen. Wir knutschen. Es macht Spaß. Zwei Tage später trennen wir uns. Es spielte keine Rolle. Drei Tage später sollte ich meine erstes Fußballspiel live in München erleben.

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Die Schubladen meines Vaters

Meinen ersten Playboy fand ich im Büro meines Vaters. Ich sage fand, weil ich wirklich suchte. Etwas, einfach irgend etwas. Das Büro war zweckmäßig und schlicht eingerichtet. Elektronische Geräte waren damals fast noch vollständig abwesend. Einzig ein Tonbandgerät, an das ich “sonst gibt’s so richtig den Arsch voll” nicht durfte. Und eine elektrische Schreibmaschine, an die ich mich trotz Verbots setzte.

Die Regale waren voll mit LEITZ-Ordnern, in der Ecke stand ein wuchtiger Tresor, den größten Teil des Zimmers nahm der Schreibtisch ein. Und dessen Schubladen waren abgesperrt. Meist. Wie ein juveniler Kleinkrimineller an geparkten Autos versuchte ich jedes Mal sie dennoch zu öffnen. Und manchmal hatte ich Glück.

In den Schubladen waren die spannenden Dinge: ein Cuttermesser, ein Briefbeschwerer mit Hirschgeweih, ein elektronischer Taschenrechner, dessen kleine Röhren leuchtend rot die Zukunft heraufbeschwörten – eine Zukunft, die ich bisher nur aus Raumschiff Enterprise kannte. Ich fand Quittungsblöcke, die ich stahl, ein Maßband aus Metall, das sich auf Knopfdruck einrollte und mir fast jedes Mal dabei in den Finger schnitt. Ich fand ein Bündel Briefe und ließ es liegen, später erfuhr ich, dass es wohl Liebesbriefe seiner vielen Affären waren.

Aber das größte Geschenk an einen knapp zehnjährigen waren aber die Playboy und Penthouse-Hefte. Sie waren wirklich gut versteckt. Sie lagen in dem Zwischenraum von unterster Schublade und Boden. Säuberlich geordnet. Was mir nicht klar war. Aber ich kurze Zeit später schmerzlich erfahren musste. Denn da bekam ich auf den Arsch. So richtig.

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Ein Sommer ohne Liebe

Es kam die Zeit, zu der uns langweilig wurde. Wir schienen von der endlosen und drückenden Hitze fast ebenso gelähmt wie die Erwachsenen, die uns nur noch mit mattem Winken wegscheuchten und meinten, wir sollten erst wiederkommen, wenn abends der Grill heiß sei.

Aber was tun? Die Baggerseen und Freibäder waren inzwischen abgegrast, alle Mädchen hatten wir schon getaucht. Das Zehn-Pfennig-Eis hing uns zum Halse raus und mit unseren Fanta-JoJos wollten wir nicht mehr üben – Weltmeister würden wir so oder so nicht mehr werden. Wichtig war nur, ob man ein blaues oder oranges JoJo hatte. Denn das blaue, teurere adelte einen, das orange war für die Jungs aus den armen Stadtteilen. Ich hatte erst ein oranges, später klaute ich mir einfach ein blaues.

Ich war schwer verliebt in diesem Sommer. Wir alle waren damals immerzu verliebt, aber ich besonders. Ihr Name war Sabine Eisenhart. Mein Therapeut, von dem ich zu dieser Zeit natürlich noch nichts wusste, würde mich ungefähr 30 Jahre später auf den Freudschen Namenswitz aufmerksam machen. Ich musste nicht lachen.

Ich war verliebt, zugegebenermaßen unglücklich, aber wir waren damals immerzu unglücklich verliebt. Wir erlitten dabei so viel Schmerz, wie pubertären zwölf- bis vierzehnjährigen nur zuzumuten war. Sex? Ja, Sex war kein Geheimnis mehr. Wir tauschten untereinander die Pornohefte unserer Väter – über Playboy und Penthouse konnten wir nur noch milde lächeln. Am heftigsten fanden wir das eine Exemplar „Happy Weekend“, das wir einem Fernfahrer auf der Freibadtoilette gemopst hatten. Es macht so lang die Runde, bis es fast völlig zerfleddert auseinanderfiel.

Aber natürlich hatte noch keiner von uns wirklich Sex gehabt. Tägliches, mehrmaliges wichsen am Tag ja. Damit ließ sich auf die ein oder andere Art auch angeben. Aber Sex, mit einem echten Mädchen? Nein. Immerhin hatten wir keine Scheu, uns unsere Angst vor dem ersten Mal zu gestehen. Wir fühlten uns dadurch verbunden. Bis auf Markus, genannt Max. Er schwor Stein und Bein, es schon gemacht zu haben. Im Zeltlager, mit einer sechzehnjährigen. Einer richtigen Frau also. Sie hätte ihn ganz schön rangenommen. Aber dann hätte auch er es ihr richtig besorgt.

Wir alle glaubten ihm eigentlich kein Wort, aber genossen dennoch jeden weiteren Höhepunkt seiner Erzählung. Seine Story wurde jedes Mal besser und geschliffener. Max lernte, dass es auf die kleinen Details ankam: wie sich die Schlafsäcke verhakten, ihr Mund beim Küssen erst nach Leberwurstbrot schmeckte, das sie vorher miteinander geteilt hatten, sie am Morgen darauf ihr Höschen nicht mehr finden konnte und er es erst Zuhause in seinem Schlafsack wiederfand. Er würde sie heute noch an dem Höschen riechen können, uns würde er es aber nicht zeigen. Das verbot der Anstand. Aber uns war das egal. Wir wussten, dass er log. Und wir wollten belogen werden.

Was also Sex betraf, war Max eine Institution – wenigstens diesen einen Sommer lang. Aber von Liebe, wahrer Liebe verstand er nichts. Das wusste ich. An Sex mit Sabine Eisenhart war gar nicht zu denken. Nein, sie schien einfach unberührbar, der Liebe vielleicht gar nicht fähig. Sie nahm mich nicht zur Kenntnis. In der Schule nicht, ich saß drei Reihen hinter ihr, eine in Physik. Und am Baggersee auch nicht, wir alle lagen hinter ihrer Mädchenclique und röhrten wie junge, brünftige Hirsche. Sabine Eisenhart schien allgemein ein Sonderfall zu sein, meine Freunde nannten sie frigide. Keiner wusste, was das genau heißen sollte, aber es erklärte wohl ihre eiserne Disziplin und Zurückhaltung.

Ich hatte in diesem Sommer keinen Sex mehr. Nicht mit Sabine Eisenhart oder einem anderen Mädchen. Als ich im Jahr darauf zum Zuge kam, wünschte ich mir aber, sie wäre es gewesen. Und nicht das Mädchen mit dem eigentümlichen Körpergeruch.

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Fremd im eigenen Hemd

Es gab seinerzeit eine neue Abmachung: Nämlich so lange einen Fremden bei sich zu beheimaten, bis dieser Onkel Johannes wie aus dem Gesicht geschnitten sei. Dafür war viel Stühlerücken nötig gewesen und der Gewinner, Herr Gaske, mochte nach seinem stillen Triumph der netten Lisette vom Ende des Gangs nicht mehr die Hände schütteln.

Gerüchte machten anschließend die Runde, versammelten sich an Ecken und hängten sich Schilder mit dem Titel “Wahrheit” um. Ein Glück, dass Dr. Friedrich – der Hauptmann der Gesangspolizei – am Vortag aus dem Urlaub zurückgekehrt war. Er war bekannt dafür, tüchtig durchzugreifen und hatte sich mit der Finanzierung des Wehklagens der hiesigen Leuchtturmwärter über die Grenzen der Schachbrettwiese hinaus einen schon lange vergessenen Namen gemacht.

Onkel Johannes saß mit dem Fremden jetzt immer öfter vor dem Raclette-Ofen und wies, wenn nötig, auf sein Muttermal hin, das in seinen Umrissen genau den Osterinseln entsprach – nur ein wenig bewaldeter schien. Der Fremde mochte dann nicht  weiter den trotzigen Kindskopf spielen und gab seinerseits eine Anekdote zum Besten: So sei er damals, weit vor seiner eigenen Zeit, in seiner Funktion als Versammlungsfreiheit viel zu oft eingeschränkt worden. Als er dann – wohlgemerkt beim Ortsvorsteher regelgerecht und in dreifacher Ausführung angemeldet – seine Sammlung berüchtigter Beutelschneider im Kirchamt ausstellen wollte, kam niemand. Selbst der Pfarrer, meinte der Fremde, verhielt sich  zusehends abweisender.

Einmütiges Kopfnicken begleitete diese wahrhaft rührende Geschichte und das Abendrot sehnte sich nach den Zeiten des Orange. Das Brot war kross, die Kinder stellten sich der Größe nach an einer Wand auf und Frau Semmeling ordnete ihre Schmetterlinge nach Aktiennamen. Am nächsten Tag stand im Generalanzeiger, dass niemand unter dem Kunstdruck zusammengebrochen war. Das stärkte ganz allgemein das Gefühl des Zusammenhalts. Damit war dann letztendlich auch die Geschichte mit den gefälschten Todesanzeigen vom Tisch.

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Maria — aber eine andere

Der alten Frau Simon ist der Sittich weg geflogen. Kann gut sein, dass die alte Dame das nicht überlebt. In den Dörfern und Städten Bayerns ist der Karfreitag eine stinkende Melange aus Glockenläuten und Sandalenfilmen. Die Menschen essen gut und viel. Meist bei der Familie. Wenn die tot ist, auch allein.

Ich wollte das nie. Ich wollte stattdessen das Nachbarsmädchen namens Maria küssen. Maria war hübsch und hatte früher Brüste als die anderen Mädchen. Es schien, als ob sie darunter litt. Ich nicht.

Am Karfreitag begegnen einem in Bayern die Toten. Auf der Straße und überall. Unser Pfarrer predigte schlecht, aber mit Eifer. Speichelfäden verklebten seine Mundwinkel, seine Finger waren gelb von Nikotin. Wenn er mir die Hostie in den Mund legte, konnte ich seine Finger riechen. Die gleichen Finger, mit denen er über die Köpfe der Ministrantenjungen strich, um sie zu begrüßen. Er strich oft und gerne über die Köpfe seiner Ministrantenjungen.

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Tod und Ficken

Man muss ja nicht gleich handgreiflich werden, denkt Zoellner, kurz bevor er stürzt. Und, ich glaube nicht an Gewalt, als er die Treppe hinab fällt. Ich fühl mich schlecht, ich muss scheißen, flüstert Zoellner der jungen Frau zu, die ihr freiwilliges soziales Jahr in dem Hospiz ableistet. Ich vermute, dass das Sterben erst mit dem Tod endet, sagt Zoellner, aber eigentlich geht’s nur ums Ficken. Immer und dauernd, mir wird übel davon, speiübel. Dann möchte ich kotzen, aber ich kann nicht, weil ich scheißen muss.

Für die junge Frau ist Zoellner nur Patient. Und übers Sterben und den Tod muss er ihr nichts erzählen – sie war zwei Monate in Indien. Sie war mit Pavel dort. Pavel, der kleine Pavel, mit den dunklen Augen und dem schlichten Gemüt. Da ging’s ums Ficken, ja, da schon. Aber nicht bei Zoellner. Bei Zoellner geht’s noch nicht mal wirklich ums Sterben. Zoellner ist nur im Hospiz, weil auf der Orthopädischen kein Platz mehr frei ist.

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